{"id":6046,"date":"2024-09-08T16:33:35","date_gmt":"2024-09-08T14:33:35","guid":{"rendered":"https:\/\/radness.de\/?p=6046"},"modified":"2024-09-08T16:33:35","modified_gmt":"2024-09-08T14:33:35","slug":"eine-frage-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/radness.de\/?p=6046","title":{"rendered":"Eine Frage der Zeit"},"content":{"rendered":"<div class='polaroid-gallery galleryid-6046' style='width:510px;'>\n\t\t\t<a href=\"https:\/\/radness.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/IMG_6584-1024x1024.jpeg\" title=\"IMG_6584\" rel=\"polaroid_763283567\" class=\"polaroid-gallery-item showcaption\"><span class=\"polaroid-gallery-image\" title=\"\" style=\"background-image: url(https:\/\/radness.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/IMG_6584-150x150.jpeg); width: 150px; height: 150px;\"><\/span><\/a>\n\t\t\t<a href=\"https:\/\/radness.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/IMG_6583-1024x768.jpeg\" title=\"IMG_6583\" rel=\"polaroid_763283567\" class=\"polaroid-gallery-item showcaption\"><span class=\"polaroid-gallery-image\" title=\"\" style=\"background-image: url(https:\/\/radness.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/IMG_6583-150x150.jpeg); width: 150px; height: 150px;\"><\/span><\/a>\n\t\t\t<a href=\"https:\/\/radness.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/IMG_6581-1024x576.jpeg\" title=\"IMG_6581\" rel=\"polaroid_763283567\" class=\"polaroid-gallery-item showcaption\"><span class=\"polaroid-gallery-image\" title=\"\" style=\"background-image: url(https:\/\/radness.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/IMG_6581-150x150.jpeg); width: 150px; height: 150px;\"><\/span><\/a>\n\t\t\t<br style=\"clear: both;\" \/><\/div>\n\n<p>Vor Jahren las Chuck Beyer in einer der gro\u00dfen deutschen Tageszeitungen einen Bericht \u00fcber einen jungen Mann, der mit einem alten Bulli durch Kanada reiste. Der Aufh\u00e4nger war eigentlich das Reisen mit Social Media. Nebenher ging es aber auch um das alte Gef\u00e4hrt. Der Interviewer fragte den jungen Mann, ob er nicht Bedenken habe, dass der Bulli die Reise nicht \u00fcberstehe. Der junge Mann antwortete, dass er davon ausgehe, dass der Bulli irgendwann den Geist aufgebe &#8211; doch auch auf diesen Moment freue er sich sehr, denn dann beginne ein neues Abenteuer.<\/p>\n<p>Ein wenig \u00e4hnlich erging es Ch. Beyer beim Alps divide, einem erstmals ausgetragenen Ultradistanz Rennen zwischen dem Mittelmeer und dem Genfer See. Seit der Anmeldung im Oktober vergangenen Jahres hatte sich Ch. Beyer auf die Gravel-Veranstaltung gefreut und vorbereitet. Kosten hatte er kaum gescheut und sich ein neues Rad sowie ein neues Gep\u00e4cksystem zugelegt. Die Vorfreude war gro\u00df!<\/p>\n<p>Erst als das Event n\u00e4her r\u00fcckte, nahmen auch die Sorgen zu, was den letzten Blog Beitrag von Ch. Beyer vermutlich zu entnehmen war. Recht frisch waren noch die Erinnerungen von der Hope-1000 aus dem Jahr 2020 bei der Ch. Beyer an seine physischen und psychischen Grenzen ging. Auf eine derartige Qu\u00e4lerei wollte er gerne verzichten. Deswegen kam die Sorge auf, ob er die geplanten 1000 km und 32.000 H\u00f6henmeter im Zeitlimit von 7-8 Tagen schaffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nachdem die Fahrradform zuletzt wieder gut anstieg, verschwanden diese ersten Sorgen, aber es taten Neue auf: Erst machte sich Ch. Beyer Sorgen, ob er mit der Fahrerei im Dunkeln zurecht komme. Die bisherigen Ultradistanzrennen hatte er im Juni und Juli bestritten, als die Tage sehr lang waren. Im September hingegen ist es schon wieder 9-10 Stunden Nacht.<\/p>\n<p>Nachdem er auch diese Sorgen beiseite geschaufelt hatte, mit der Aussicht, er k\u00f6nne ja l\u00e4nger schlafen, sorgte ihn pl\u00f6tzlich das Wetter. Der Wetterbericht in der Vorwoche meldete f\u00fcr die Veranstaltung Gewitter und Regen sowie einen Temperatursturz um 10\u00b0. In den Talorten Briancon und Chamonix, beide \u00fcber 1000 H\u00f6henmeter gelegen, sollte das Thermometer tags\u00fcber bis sage und schreibe 13\u00b0 ansteigen. Auf dem Gipfeln und P\u00e4ssen des Alpes Divide musste man daher von Temperaturen um die 0\u00b0 ausgehen, dazu eventuell noch Regen oder Schnee. Der Wetterbericht wechselte dann fast st\u00fcndlich, was das Gem\u00fct Ch. Beyers eher destabilisierte.<\/p>\n<p>So stand Ch. Beyer durchaus mit einigen Sorgenfalten am Start des Alps Divide. Und erst hier flaute die Aufregung allm\u00e4hlich ab &#8211; auch Dank der zahlreichen Mitstreiter, die in Anbetracht ihres geringen Gep\u00e4cks durchaus optimistischer an den Start gingen. Und so trat auch Ch. Beyer auf den ersten 10 km kr\u00e4ftig in die Pedale, als ob es sich schon um den Zielsprint zum Genfer See handle.<\/p>\n<p>Doch die Geschichte geht weiter! Die ganzen Sorgen sollten sich n\u00e4mlich nicht gelohnt haben. Das Schicksal nahm einen anderen Lauf nehmen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Nacht sammelte Ch. Beyer Sven und Lennard aus Holland ein. Auf die Frage, wie sie f\u00fcr das Event trainiert hatten, antworteten sie, dass sie den Deich hinauf und hinunter geradelt sind. Umso erstaunlicher war es, dass die beiden gerade im Downhill Ch. Beyer ordentlich abh\u00e4ngten. Zun\u00e4chst versuchte er ihnen noch todesmutig zu folgen, gab aber dann nach und lie\u00df sie zufahren.<\/p>\n<p>Pigna war ein Ort nach circa 100 km und 3000 H\u00f6henmeter der Strecke. Nachdem der Start in Menton erst um 16:00 Uhr war, hatte sich Ch. Beyer Pigna als erste Schlafstation ausgew\u00e4hlt: Google Maps fand einen durchaus vielversprechenden Parkplatz.<\/p>\n<p>Dem Wetter geschuldet, was f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag besonders schlecht gemeldet war, und aufgrund der freundlichen Mitfahrer Sven und Lennard, verwarf Ch. Beyer kurzer Hand seinen Plan, sich hinzulegen. Vielmehr wollte er nun durch die Nacht radeln, um die Via del Sal am n\u00e4chsten Tag in aller Fr\u00fche in Angriff zu nehmen. Regen und Gewitter waren ab mittags gemeldet.<\/p>\n<p>In Pigna trudelten immer mehr Velofahrer in der Bar Clara unerwartet ein, um sich mit Cola und Panini f\u00fcr die Nacht zu st\u00e4rken. Wirt und Wirtin waren mit den hungrigen Sportlern rasch \u00fcberfordert. Die meisten bestellten nicht nur ein Panini, sondern gleich drei oder vier. Die Mikrowellen begannen zu qualmen, der Wirt Carlo auch!<\/p>\n<p>Dementsprechend dauerte auch Chuck Beyers Bestellung etwas l\u00e4nger. Nach einer guten halben Stunde, wobei 25 Minuten auf Cola und Warten entfielen und 5 Minuten aufs Panini essen, sollte es weitergehen. Die Wirtin hatte netterweise die Radflaschen aufgef\u00fcllt und Ch. Beyer war drauf und dran mit seinen holl\u00e4ndischen Velofreunden in die Nacht zu starten. Nur gab es pl\u00f6tzlich ein Problem: Ch. Beyers Rad war weg. Einfach weg. Gestohlen. Geklaut. Unglaublich. Nicht zu fassen, nicht nur f\u00fcr Ch. Beyer, sondern f\u00fcr das ganzen Ort Pigna.<\/p>\n<p>Der Wirt versuchte wild gestikulierend alle m\u00f6glichen G\u00e4ste zu dem Diebstahl zu befragen. Jedoch hatte niemand etwas mitbekommen. Ch. Beyer und seine neue Radfreunde grasten die n\u00e4here Umgebung ab. Das Rad war nirgends zu finden. Und liebe Leser, Sie scheinen es schon zu ahnen: Hier sollte ein neues Abenteuer beginnen!<\/p>\n<p>Das Problem war nicht nur das Rad selbst, sondern auch das Gep\u00e4ck am Rad. Dazu geh\u00f6rten Ch. Beyers, Regenklamotten, die Thermoklamotten, Schlafsack und Iso-Matte. Auch ein Gro\u00dfteil des Geldes hatte Ch. Beyer vor dem drohenden Regen in die wasserdichten Radtaschen verpackt. Nun war alles weg. Wie soll es weitergehen?<\/p>\n<p>Der Gastwirt Carlo erkannte Ch. Beyers Not und rief die Polizei, die am Samstagabend aber nicht anr\u00fccken wollte, sondern Beyer auf den n\u00e4chsten Tag, dem Sonntag, um 11:00 Uhr vertr\u00f6ste.<\/p>\n<p>Danach suchte Carlo f\u00fcr Ch. Beyer eine Bleibe und wurde bei der wunderbaren Fiorella, Gastgeberin des Sul Pontes f\u00fcndig. Auch wenn das Sul Ponte an diesem Tag geschlossen hatte, organisierte Fiorella gegen Mitternacht von Samstag auf Sonntag ein Zimmer f\u00fcr Ch. Beyer. Welch ein Traum, nicht wahr?<\/p>\n<p>People care! Das ist einer der zentralen Spr\u00fcche des Gurus Tony Robbins, der auf diesem Blog schon h\u00e4ufiger Anklang fand. Tats\u00e4chlich waren die Bewohner von Pigna extrem unterst\u00fctzend und hilfsbereit. Fiorella sagte, das Zimmer k\u00f6nne Ch. Beyer nutzen, bis alles geregelt sei. Die Bewohner des Dorfes waren allesamt gleich alarmiert und taten ihre Ersch\u00fctterung kund. Auch die Organisatoren des Alps Divide, Katie und Lee, standen zugleich telefonisch zur Verf\u00fcgung. Auch sie h\u00e4tten alles in Bewegung gesetzt, um Ch. Beyer aus der Misere zu helfen. People care!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Mitmenschen Ch. Beyer scheinbar jegliche Hilfe m\u00f6glich machten und hierf\u00fcr ihre Komfortzone verlie\u00dfen, gab\u2019s bei den Versicherungen und Organisation kein Mitleid. In einem Notruf-Telefonat wurde Ch. Beyer freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Es war ja auch nicht zu erwarten gewesen, dass der Auto-Schutzbrief dem Velofahrer hilft, auch wenn die gleiche Versicherung einen Fahrrad-Schutzbrief anbietet. Das ist auch korrekt und richtig. Man sollte aber bedenken, dass in einer Gesellschaft, die auf Organisationen und Versicherungen basiert, die vermutlich Sicherheit schaffen sollten, viel Sicherheit verloren geht, die nur mit guten Willen der Mitmenschen zu erreichen ist. Die Gesellschaft von Deutschland und anderen Industriestaaten ist daher zunehmend gepr\u00e4gt von: geht nicht, das ist au\u00dferhalb der Norm oder Regel!<\/p>\n<p>Doch weiter in der Geschichte: Auch am n\u00e4chsten Tag, einem Sonntag, ergab sich von Ch. Beyers geliebten Velo keine Spur. Daher ging er in frisch gewaschene Rad Klamotten (Duschwaschmasch-Kombiger\u00e4t) und Radschuhen zur Polizei, die sonntags in Pigna von 11:00 bis 13:00 Uhr ge\u00f6ffnet hat. Eine Zweimmann-Show in einer Polizeistation, wie man sie in den sechziger und siebziger Jahren vorgefunden haben muss. Auch die beiden Beamten waren erstaunt: es muss sich wohl um den ersten Fahrraddiebstahl im Ort gehandelt haben. Entsprechend dauerte die Vernehmung auch circa 1 Stunde, wogleich nat\u00fcrlich etliche Sprachbarrieren \u00fcberwunden werden mussten.<\/p>\n<p>Mittlerweile hatte das ganze Dorf schon von dem Radfahrer ohne Rad geh\u00f6rt. Ganz zu schweigen von den vielen Mitfahrern, die nachrichtlich von Katie informiert wurden. Niemand lie\u00df mehr sein Fahrrad in Pigna au\u00dfer Auge!<\/p>\n<p>Ch. Beyer war pl\u00f6tzlich Gespr\u00e4chsthema und bester Gespr\u00e4chspartner, und dass, obwohl er selbst gar nichts getan hatte. Er hatte weder das Rad gestohlen, noch sich selbst aus der Patsche geholfen. Manchmal ist es schon erstaunlich, wie man zu Ehren kommt.<\/p>\n<p>Noch ist das Abenteuer nicht zu Ende! Morgen versucht Ch. Beyer in einem Tag von Pigna nach Erlangen zu kommen. Es wird einmal mehr daran h\u00e4ngen, wie unp\u00fcnktlich Trenitalia und die Deutsche Bahn sein werden.<\/p>\n<p>Wird Ch. Beyer zuk\u00fcnftig sein Vorgehen bei Radreisen ver\u00e4ndern? Im Gro\u00dfen und Ganzen nicht: Ch. Beyer wird sich weiterhin nicht die teuersten R\u00e4der kaufen, damit er sie bei Kaffee und Kuchen eben nicht mit schwerem Schloss anketten muss. Mit Verlust muss bei dieser Strategie gerechnet werden. Weiterhin, aber hier mag er sich t\u00e4uschen, h\u00e4lt er die kleinen D\u00f6rfer in Italien und sonst wo auf der Welt f\u00fcr relativ sicher. Ch. Beyer hofft aber, dass er nicht noch ein zweites Mal auf die hei\u00dfe Herdplatte fassen wird.<\/p>\n<p>Zum Schluss sei nochmals betont: Herzlichen Dank an die bezaubernden Bewohner von Pigna &#8211; bis auf den einen Sauhaund! Herzlichen Dank auch an die wunderbaren Katie und Lee, sowie alle Mitstreiter beim Alps Divide.<\/p>\n<p>Postskriptum: Der heutige Bericht wurde nach schlafloser Nacht auf dem Mobiltelefon erstellt. Dementsprechend nahm Beyer unzureichend R\u00fccksicht auf ordnungsgem\u00e4\u00dfes Gendern. Ch. Beyer gelobt Besserung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Jahren las Chuck Beyer in einer der gro\u00dfen deutschen Tageszeitungen einen Bericht \u00fcber einen jungen Mann, der mit einem alten Bulli durch Kanada reiste. Der Aufh\u00e4nger war eigentlich das Reisen mit Social Media. 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