{"id":965,"date":"2017-01-16T21:18:44","date_gmt":"2017-01-16T19:18:44","guid":{"rendered":"https:\/\/thewayishappinessblog.wordpress.com\/?p=965"},"modified":"2017-01-16T21:18:44","modified_gmt":"2017-01-16T19:18:44","slug":"alles-hat-ein-ende-nur-das-rad-hat-keins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/radness.de\/?p=965","title":{"rendered":"Alles hat ein Ende &#8211; nur das Rad hat keins."},"content":{"rendered":"\n<p>Der Physiker aus Boston mit Hungerast begegnet mir genau im richtigen Moment. Er hat meinen gestrigen Tag gerettet &#8211; okay, das w\u00e4re \u00fcbertrieben geschrieben &#8211; doch zumindest gegl\u00e4ttet. Denn so schlimm war der Tag nun auch nicht gewesen: Sieben Stunden gegen den patagonischen Wind, dabei 95 Kilometer zur\u00fcckgelegt und bei Kilometer 85 und 95 Speichenbr\u00fcche.<\/p>\n<p>Klingt doch schlimm? &#8211; Nun, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und so langsam habe ich mich an den patagonischen Wind gew\u00f6hnt. Zumindest den n\u00f6rdlich von Fuerland, was nochmals ein eigenes Erlebnis sein soll. Von hinten ist der Wind\u00a0ja wunderbar und von vorne ist er wunderbar f\u00fcr Ironman-Training: Unterlenker und stundenlanges Dr\u00fccken. Kienle geht in den Windkanal und Beyer nach Patagonien. Daf\u00fcr k\u00f6nnte Mercedes eine Kiste springen lassen. Einen Vario w\u00fcrde ich gar fahren, manchmal. Doch zur\u00fcck zum Wind: Von der Seite ist er mir immer noch nicht geheuer, insbesondere, wenn passierende Fahrzeuge die Windkante zum Abrechen bringen und mich um einen Meter zur Seite versetzen, pl\u00f6tzlich, ohne irgendeine Chance dagegen zu steuern. &#8211; Und die lieben Speichen? Es war eine Wette, ob sie mit h\u00f6herer Spannung halten. Eine Wette, die ich verloren habe. Die meisten Speichen scheinen einen Treffer abzuhaben und geben trotz h\u00f6herer Spannung nach.<\/p>\n<p>Meinen urspr\u00fcnglichen Plan zur Laguna Armada unmittelbar vor den Torres del Paine Nationalpark zu fahren, dort wild zu campen (wird geduldet), am n\u00e4chsten Tag im Park zu wandern, erneut wild zu campen und tags darauf durch den Park und dann \u00fcber eine Schotterpiste (Y290 f\u00fcr die Patagonienradler) nach Puerto Natales zur\u00fcck zu radeln, hatte ich nach dem zweiten Speichenbruch bei Kilometer 95 \u00fcber den Haufen geworfen. Zwar w\u00e4ren es nur noch 15 Kilometer bis zur Laguna Armada und dem Nationalpark gewesen, aber noch war ich auf Teer und der Miniort Cerro Castillo war bei 35 Kilometer R\u00fcckenwind gut zu erreichen. Ich hatte diesen bei Kilometer 60 passiert. Also erneut Speiche tauschen und zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg besch\u00e4ftigte mich am meisten die Frage, was ich mit all den Keksen und der Limonade machen sollte, die ich f\u00fcr den Dreitagestripp eingekauft hatte. Ich hatte mehr als zehn Packungen Kekse dabei und drei Liter Soda. Das Trinken und Essen konnte ich nicht einfach wegwerfen. Doch das Zeugs schmeckt im normalen Leben nicht; nur das Radfahren f\u00fchrt zu einer Geschmacksverschiebung; nein besser: Verzerrung; oder noch besser: St\u00f6rung. Das klingt medizinisch korrekt! Bereits im Vorfeld dieser Reise hatte ich es erlebt, dass sich Radkollegen nur noch von wei\u00dfer Nougat oder Snickers oder Nutella ern\u00e4hrt hatten.<\/p>\n<p>Es qu\u00e4lte sich mir ein anderer Radler ohne Gep\u00e4ck, ein Tagestourler, entgegen, bergauf und gegen den Wind. Als er mich sah, steuerte er direkt auf mich zu. Ob ich denn ein Schild f\u00fcr das Hotel &#8222;TierraPatagonia&#8220; gesehen h\u00e4tte. Hatte ich, nur wusste ich nicht mehr genau wo, so dass ich ihm erkl\u00e4rte, dass es h\u00f6chstens noch 15 Kilometer sein m\u00fcssten, da ich vor 15 Kilometer umgedreht war. Bei den aktuellen Bedingungen und seiner Verfassung w\u00e4re das gut und gerne drei Stunden gleich gekommen. Zugleich wollte er wissen, ob ich Wasser f\u00fcr ihn h\u00e4tte. Er h\u00e4tte sich verfahren, w\u00e4re in str\u00f6menden Regen geraten und h\u00e4tte gegen massiven Wind gek\u00e4mpft. Da grinste ich schon, innerlich: &#8222;Den hat es erwischt! Volle Breitseite. Hungerast.&#8220; Und freuen, das tat ich mich auch, den er entlastete mich meiner Sorgen: ich packte 1,5 Liter Fanta aus, einmal Gro\u00dfpackung Chocolate Chips und einmal Gro\u00dfpackung Zitronenkekse. &#8211; Und Kinder! Ihr h\u00e4tte ihn sehen sollen! Wie er dar\u00fcber hergefallen ist! Er konnte seine Haltung nicht mehr wahren. Keine Chance. Zu gro\u00df waren Hunger und Durst. Und w\u00e4hrend er Kekse mampfte und Fanta in sich hineinsch\u00fcttete, berichtete er, dass er Physiker sei und in Boston lebe. Kurz \u00fcberlegten wir gemeinsam, wie es zu den vielen Speichenbr\u00fcchen kommen konnte. Ansonsten war der Gute weiter mit Keksen und Fanta besch\u00e4ftigt und bat mich gar weiter zu radeln: Er k\u00e4me jetzt alleine zurecht. Die Situation war ihm beim Wiedererlangen eines angemessenen Blutglucosespiegels sichtlich unangenehm. Doch dabei ist ein Hungerast das Nat\u00fcrlichste der Radlerwelt. Wer hat ihn nicht selbst schon erlebt? \u00dcbrigens lehnte der Hungerast-Physiker aus Boston das Angebot von mehr Keksen und Limonada (ich hatte noch 1,5 Liter Sprit(e) f\u00fcr Radfahrer) dankend ab.<\/p>\n<p>Am Ende des gestrigen Tages hatte ich noch Weiteres abzugeben. Schon seit einigen Tagen wusste ich, dass ich meine Gasvorr\u00e4te zu gro\u00dfz\u00fcgig bemessen hatte. Und siehe da, im Hostales in Cerro Castillo &#8211; es gibt dort nur eines! &#8211; traf ich auf Erico, einem Reiseradler aus Italien. Um die 55 Jahre alt, ohne Familie, hat er seinen Job als Chemieingieneur hingeschmissen und sich auf Radreise begeben &#8211; eine Konstellation, die hier gar nicht selten anzutreffen ist. Er war am selbigen Tag 70 Kilometer geradelt, wobei er f\u00fcr die letzten 40 Kilometer aufgrund des Windes f\u00fcnf Stunden ben\u00f6tigt hatte. Im gab ich eine meiner Gaskartuschen, sowie ein paar Tabletten Prednisolon (Kortisonderivat). Er hatte n\u00e4mlich auf einen Insektenstich am Unterarm vor zwei Tagen mit einer massiven Schwellung reagiert. Ein Arzt vor Ort hatte ihm schon ein Kortisonderivat gespritzt und Antihistaminka mitgegeben. Als Rheumatologe hatte ich Prednisolon\/Kortison nat\u00fcrlich dabei: Allergische Reaktion, H\u00f6henhirn\u00f6dem, pl\u00f6tzliches Eintreten einer rheumatoiden Arthritis. Das Medikament geh\u00f6rt in eine gute Radlerapotheke! Mit Erico, obwohl er perfekt englisch sprach, verstand ich mich \u00fcbrigens bei Weitem nicht so gut wie mit Adriano, der nur drei W\u00f6rter Englisch kannte.<\/p>\n<p>Heute bin ich 60 Kilometer von Cerro Castillo nach Puerto Natales zur\u00fcckgeradelt (nur ein Speichenbruch, der 13. und Letzte, <i>Anmerk. des Autors<\/i>).\u00a0Ich habe mir f\u00fcr den morgigen Tag ein Busticket f\u00fcr den Nationalpark gekauft und werde das f\u00fcr Donnerstag wohl auch tun. F\u00fcr Freitag habe ich ein Busticket nach Punta Arenas, wo n\u00e4chste Woche der Flieger nach Santiago geht. Die Option Ushuaia habe ich gestrichen. Zwei Tage Bus, um dort ein oder zwei Tage zu wandern? Kosten und Nutzen w\u00e4ren hier f\u00fcr mich nicht im richtigen Verh\u00e4ltnis. Besonders nach dem vielen Radfahren, wo der ganze Tag Erlebnis ist, ist es f\u00fcr mich schwer nachvollziehbar, welch gro\u00dfe Strecken einige Touristen zur\u00fccklegen, um hier und dort ein St\u00fcckchen Erlebnis zu bekommen. Doch vielleicht schaffe ich es in den verbleibenden Tagen noch, meine Perspektive zu wechseln und eine lange Busfahrt oder einen langen Flug zum Erlebnis zu machen.<\/p>\n<p>Nachdem ich Ushuaia von der Liste gestrichen hatte, habe ich mich weitere vier Tage im &#8222;Magic House&#8220; in Puerto Natales einquartiert. Bei meiner \u00fcberraschenden R\u00fcckkehr wurde ich von der Chefin Maria herzlich empfangen (Die Leserschaft bemerkt hoffentlich, dass ich schon f\u00fcr meine R\u00fcckkehr \u00fcbe. <i>Anmerkung des Autors<\/i>). Hat das Rad(fahren) nun doch ein Ende? Nein, nat\u00fcrlich nicht! Nur in den n\u00e4chsten beiden Wochen wird pausiert.<\/p>\n<p>P.S. Worte statt Taten: Die Leserschaft braucht keine Gedanken daran zu verschwenden, von Ihrer Pflicht der regelm\u00e4\u00dfigen Bloglekt\u00fcre befreit zu sein. Worte werden auch ohne Taten folgen. Zudem stehen noch Berichte zu Torres del Paine und zum patagonischen Wind aus. Ein R\u00fcck- und ein Ausblick w\u00e4ren sch\u00f6n. Letzterer soll durchaus als Einladung zur Teilhabe am n\u00e4chsten Radabenteuer verstanden werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Physiker aus Boston mit Hungerast begegnet mir genau im richtigen Moment. Er hat meinen gestrigen Tag gerettet &#8211; okay, das w\u00e4re \u00fcbertrieben geschrieben &#8211; doch zumindest gegl\u00e4ttet. 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