Statistik am Waschtag.

Insider mögen „Waschtag“ bitte im übertragenen Sinne verstehen. Das bedeutet, das wunderbare Hostales El Punto kümmert sich gerade darum, den Atacama-Staub aus meiner Wäsche zu bekommen. Derweilen putze ich das Rad, also nur die Kette und das Schaltwerk. Die Cola-Staubspritzer lasse ich für eine ordentlich used-Optik dran, was mehreren Überlegungen zu Grunde liegt. Zudem habe ich an allen Schrauben gedreht, damit keine locker ist. Mindestens eine habe ich ja schon verloren; an einer Ortlieb-Tasche.
Heute morgen bin ich schon durch La Serena geschlurft. Beineheben war nicht drin. Der Ort gefällt mir sehr gut. „Klein Bamberg“ würde ich es taufen. Claro, es ist größer als Bamberg in Fläche und Einwohnerzahl. Doch die Kirchen in Bamberg sind in Größe und Anzahl weit überlegen. Während des Schlurfens, hielt mich ein Englisch sprechender Chilene an. Bislang eine Rarität, obhin ich glaube, dass diese Individuen mit der Nähe zu Santiago und den Meeresurlaubsorten zunehmen könnten. Nicht im Gewicht, auch wenn dieser durchaus füllig war. Er riet mir in das Elqui-Tal mit dem Bus zu fahren. Jeder, der einmal dort gewesen sei, würde es nie vergessen. Diese Information war mir jedoch schon seit Längerem bekannt. Die Lehren zur Hypnose besagen, dass wir nichts vergessen, sondern nur verschütten und vergraben. Egal, für mich war es eine gefundene Ausrede, im Hostales El Punto um einen Tag zu verlängern.
Mit dem Rad sind es ins Elqui-Tal 65 bis 100 Kilometer und 600 bis 1300 Höhenmeter, je nachdem welchen Ort man besuchen möchte. Morgen wird es wohl nur für die ersten 65 Kilometer bis Vicuna reichen und dann wieder zurück. – Das kleine Vicuna, als Einschub, hat eine Nobelpreisträgerin hervorgebracht. Literaturrecherche, und das ist schon der erste Hinweis, darf der interessierte Leser als Aufgabe sehen. – Anyway, zurück nach La Serena wird mir der Wind vom Meer her ins Gesicht wehen, und dann können eben 65 Kilometer ordentlich weh tun.
Damit wären wir schon bei den vor- und gestrigen Erfahrungen. Vorgestern war wohl der bislang beste Radtag. Von Copiapo nach Vallenar, ein Anstieg, Wind von West/Nord, also von der Seite und von hinten. Da hatte ich einen 25er Schnitt mit wenig Anstrengungen und bin voller Euphorie noch 15 Kilometer in ein kleines Tal zum Camping von La Verbena gefahren. War super schön, das erste saftige Grün nach zehn Wüstentagen zu sehen. Außerdem war es total angenehm, kein stetes Nasenbluten mehr zu haben. Die Luft schien nun etwas Feuchtigkeit aufzunehmen. Bei Vallenar und La Verbena handelt sich übrigens um eines der nördlichsten Weinanbaugebiete Chiles. Das Camping-Plätzchen für mich alleine war toll und ich konnte sehr gut schlafen. Eine Gruppe junger Chilenen hat in einer Cabana, also einem Ferienhäuschen, nebenan bis um 5 Uhr morgens Musik gemacht. Das waren Könner, die mich quasi in den Schlaf sangen. Keine nervtötenden Dysphonien.
Fünf Uhr weiß ich sehr genau, da ich kurz vorher für eine Königsetappe aufgestanden bin. Die zwei Etappen bis La Serena habe ich aufgrund der Erfahrungen vom Vortag kurzer Hand zusammengelegt, um so einen Tag zu gewinnen. Um 6:30 Uhr saß ich auf dem Rad und der Plan schien sich aufzugehen: Rückenwind, also erneut West/Nord schob mich sanft die ersten beiden Pässe hinauf. Hier muss man ganz klar loben, dass die Pässe der Ruta 5 (Panamericana in Chile) radreisefreundlich und meist maximal 5 bis 6 Prozent steil sind. Was nach dem zweiten Pass kommen würde wusste ich leider nicht genau, da hier das Höhenprofil einer Internetaufzeichnung abriss. Mit weniger Höhenmeter rechnete ich, da es ans Meer gehen sollte. Hier sollte ich auch richtig liegen. Meine zweite Annahme, nämlich das mich der Nordwindanteil weiter nach La Serena treiben würde, entpuppte sich jedoch als Fehlannahme. Mit der Abfahrt des zweiten Passes wechselte der Wind und kam aus West/Süd. Sechszig undankbare Kilometer mit einem weiteren, kleineren Pass im Gegenwind. Geschwindigkeit weit einstellig. Mir war völlig  unklar, ob ich La Serena noch am selbigen Tag erreichen würde, zumal der Wind in Chile nachmittags häufig weiter aufdrehe.
Glücklicherweise kam der Wind auf den letzten 50 Kilometern tatsächlich nur noch von der Seite, also West solo. Es blieb also nur die Herausforderung des Auf und Abs einer Küstenstraße. Nach zehn und einer halben Stunde kam ich dann heilfroh in La Serena an. Bei Ankunft, so stellte ich fest, hatte ich bereits eine Cola- und Süßkram-, vor allem Keks-, Allergie entwickelt. Bananen mochte ich auch nicht mehr leiden.
Nur gut, dass eine der ersten Kernbotschaften des Hostales El Punto war, dass sie auch ein wenig kochen würden. Zur Auswahl gab es, Hamburgesa con Ensalada und Quiche con Vino. So einfach ist übrigens Spanisch! Ich bestellte einen Hamburger mit Salat (dreifache MacDo-Größe) und ein Quiche mit Wein. Und weil es so lecker war noch einen Hamburger. Gerne hätte ich noch einen Dritten bestellt. Da die Köchin schon ein wenig angestrengt schien, habe ich lieber drei Brote (Zweisemmeläquivalent pro Brot) und Studentenfutter, was ich zwischendurch gekauft hatte, gegessen. Dann ließ der Hunger nach.
Geschlafen habe ich wie ein Stein. Im Vierbettzimmer sind wohl zwei Mitbewohner nachts ausgezogen. Nein, nicht wegen mir. Sie hätten wohl kurzfristig nach Hause zu einem Ihrer Kinder gemüsst, so hat man mir am Morgen berichtet. Nichts, rein gar nichts, habe ich davon mitbekommen, obwohl die beiden sicher nicht zu den Leisesten zählten und ich für die Nacht schon Bedenken gehabt hatte.
Zuletzt die zusammenfassende Statistik für die Zahlenfetischisten. Die Zahlen sind unbedingt zum Genießen. Sie werden nicht so schnell wieder Auftauchen, sonst verginge mir die Lust am Radfahren. Die nächsten Tage werden 100 bis max. 150 Kilometer mit sich bringen.
– Kilometer: 208; Höhenmeter: 2400 auf und 2800 ab; Systemgewicht ohne Fahrer am Start: 52 Kilogramm; Gesamtzeit: 10:30 Stunden.
– viel interessanter: Frühstück: 3 Brote (Zweisemmeläquivalent), 2 Orangen, 1 Banane, mit Hunger gestartet, da nicht mehr da war. Unterwegs: 5 Bananen, 4 Packungen Kekse (Typ Oreo in Variationen), 1 Eis (Typ Nigger Nougat, was aus politischen Gründen jetzt gewiss anders heißen sollte), 2 Liter Cola, 7 Liter Wasser. Abendessen: 2 Hamburger mit Salat, die Besten die ich je gegessen habe und die wirklich exzellent waren, ein Quiche, 3 Brote (Zweisemmeläquivalent), ein Studentfutter, ein Glas Rotwein und 2 Liter Wasser. Energiebilanz: negativ; erst jetzt am Folgetag lässt der Hunger nach.

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