Kubanische Kontaktfreu(n)de.

Anmerkung des Autors: Der folgende Beitrag ist wenig objektiv. Der Autor verbrachte lediglich drei Wochen im sozialistischen Kuba – meist geschützt hinter von der kubanischen Regierung errichteten pseudo-kapitalistischen Fassaden. Der Autor kann sich auf keinerlei weitere Lebenserfahrung in eine kommunistisch-sozialistischen System berufen. Folglich geben folgende Schilderungen das echte Leben in einem sozialistischen System nicht hinreichend wieder.

 

Man, frau, der Leser, die Leserin, allesamt stellen sich einmal vor, sie wären den ganzen Tag unterwegs gewesen. Es ist heiß und drückend schwül. Sollen es vielleicht 29 Grad im Schatten bei 85% Luftfeuchtigkeit sein. Der Schweiß verdunstet kaum und die Kleidung bleibt nassgeschwitzt. Der Magen knurrt seit zwei Stunden und das abgestandene warme Wasser mit Plastikgeschmack ist seit einer Stunde aus. Sie, also man, frau, der Leser oder die Leserin erreichen ein mittelgroßes, unbekanntes Städtchen, was der Einfachheit halber den Namen „Forchheim“ tragen soll. Sie fahren mit größter Aufmerksamkeit in dieses Nest: Der Blick sucht schweifend nach Schildern mit den Hinweisen „Pension“ oder „Hotel“ und die Nase geht jedem Duft nach, in der Hoffnung, ein kleines Lokal oder Wirtshaus zu finden. Die Ohren hoffen ebenfalls auf einen hilfreichen Zuruf. Nebenher wird noch das Navigationssystem und das Smartphone um elektronische Unterstützung gebeten. Und was ergibt sich: Nichts, nada! Kein zum Ziele führendes Schild; viele Gerüche, aber nur Üble; wirres Geplärr in unbekannter, ja fränkischer Sprache; im Navigationssystem kein Hinweis und das Smartphone ohne Netz beziehungsweise WLAN. Sie fahren weiter und weiter immer tiefer in das Städtchen hinein und landen irgendwann am Marktplatz. Dort stehen alte baufällige Häuser. Der Gestank nimmt zu, ebenso das Geplärr. Sie kommen zum Stillstand und bringen sich im nächsten Moment schon auf den Gehsteig in Sicherheit, um nicht vom Bus mit dem wild hupenden Busfahrer überfahren zu werden, oder vom Taxi, oder vom Pferdegespann. Nun, was tun sie jetzt, man, frau, der Leser oder die Leserin? Nichts, nicht wahr? Oder beten, dass einer dieser grimmig drein schauenden Franken sich eines erbarmt.

Schon gut, Herr Beyer gibt zu, dass dieses hypothetische Konstrukt hinkt, denn ein mittelgroßes, fränkisches Städtchen ohne Wirtshaus, Bier und Schweinsbraten gibt es nicht. Doch der Rest könnte durchaus zutreffen, auch auf Forchheim.

Man, frau, der Leser und die Leserin können desweiteren zum Einwand bringen, dass es jetzt Winter ist und es im mittelfränkischen Forchheim gewiss keine 29 Grad und 85% Luftfeuchtigkeit haben wird. Und da haben sie auch Recht. Denn Herr Beyer war nicht in Franken, sondern in Kuba, wo er jene Situation zusammen mit Frau Gackstatter und Herrn Schmidt, in ihrer gemeinsamen Tätigkeit sehr gut befreundete Tandemfahrer, in einem Städtchen namens Guines und in ähnlicher Weise auch in anderen Orten Kubas erlebte.

Das erklärt auch, warum sich der weitere Ablauf der Geschichte anders als erwartet darstellen wird. Denn während man, frau, der Leser oder die Leserin in Forchheim inständig um höhere Hilfe bitten müssten, musste sich Herr Beyer zusammen mit seinen allemannischen Freunden mancher freundlichen, freudigen, gar überschäumenden kubanischen Hilfe dringend verwehren.

Nur was ist genau passiert? Nach Erreichen des Ortskernes und kurzer zielloser Konspiration geschah Folgendes. Die drei Radler setzen sich nochmalig in Bewegung um den Ortskern abzufahren, eine Strategie, die sich einige Male in Kuba gut bewährt hat. Jedoch brachte dieses Cruisen um den Marktplatz in Guines keine Lösung, ebenso wenig ein weiteres, kurzes Zuwarten am Gehsteig. Ein kleiner Schritt war in Guines notwendig, ehe sich die kubanische Hilfskette unaufhaltsam in Bewegung setzte:

Herr Beyer dachte sich, dass eventuell die Rettungssanitäter, die ihre Wache im Stadtzentrum von Guines hatten, hilfreich sein könnten. Tür und Tor standen offen und die Sanis saßen nicht in der Wache, wie in Deutschland, sondern vorm Tor. Zumindest einige von ihnen. Und freundlich sahen sie allesamt aus. Herr Beyer trat also heran und fragte den in weiß gekleideten Kollegen, ob er wisse, wo vor Ort ein Casa particular sei, was letztendlich eine solide Unterkunft für Besucher mit harten Divisen, also jegliche ausländische Touristen, darstellt. Der Sani schüttelte zunächst den Kopf und ging dann zu seinem Kollegen, der sich gleich noch mit seinem Chef beratschlagte. Der Griff zum Telefon wurde getätigt und dann wurde Herrn Beyer in Spanisch mit kubanischen Händen und Füßen mitgeteilt, wo er sowie Frau Gackstatter und Herr Schmidt eine Unterkunft finden könnten. Herr Beyer schien wohl schwer vom Begriff, so dass er zugleich in einen der Ambulanzwagen gebeten wurde. Und dann ging es los. Nein, nicht in Richtung Psychiatrie, auch wenn das manchmal angebracht scheint! In einem Affenzahn, wenn auch nicht mit Martinshorn und Blaulicht, ging es in Richtung Stadtrand. Nur gut, dass Herr Beyer seinen Fahrradhelm zur Sicherheit aufgelassen hatte, denn die Gurte funktionierten nicht. Für Außenstehende muss dies wohl ein besonderer Anblick gewesen sein: Die beiden weiß gekleideten Sanis und dazwischen ein in Grün gekleideter ausländischer Radfahrer mit weißem Helm. Anyway – nach geschätzten fünf Minuten waren die drei am Stadtrand an einem „Landhaus“ angelangt, wo Herr Beyer von einem Mann, dann einer Frau und dann noch einer Frau begrüßt wurde. Später würde dann noch die Chefin dazukommen und die Kinder. Jedenfalls regelten die Sanis, dass Herr Beyer sowie Frau Gackstatter und Herr Schmidt in dem „Landhaus“ übernachten konnten. Es war kurz nach vier und es wurde vereinbart, dass die drei Radler gegen sechs aufkreuzen. Vorher würden sie sich noch mit Nahrung und Getränken eindecken, denn Frühstück und Abendessen wurden im Gegensatz zu den Casas particulares nicht geboten. Dann ging es im Ambulanzwagen zurück in den Ortskern, wo Herrn Beyers Landsleute ihn erwartungsvoll in Empfang nahmen.

Nun galt es Abendessen und Frühstück zu organisieren und etwas für den kleinen Hunger zwischendurch. Das sah ausnahmsweise nach einer leichten Aufgabe aus, denn ein Supermarkt war am Marktplatz zu erspähen. Die Auswahl darin war für kubanische Verhältnisse gar gut: Das bedeutet: Es gab eine Auswahl, die es aber gewiss nicht mit einem beliebigen Hunde- und Katzenfutterregal eines beliebigen deutschen, geschweige denn amerikanischen Supermarktes hätte aufnehmen können. So kauften Herr Beyer und Herr Schmidt Honig, Zwieback und Wasser, während Frau Gackstatter die Räder bewachte. Pasta und Tomatensauce, die sie aber bis zum Ende der Reise nie kochen sollten, aus Mangel an Kochgelegenheiten.

Die Suche des Abendessens verlief dann wieder nach klassisch kubanischer Manier. Es ging einmal um den Marktplatz, ehe ein jugendlich aussehender Kubaner names Lazaro, die drei Radler ansprach und allerhand wissen wollte. Auf die kurze Frage der drei Radler, wo sie hier in Guines essen könnten, war Lazaro zu ihrer Abendbegleitung geworden. Es ging zunächst in ein Restaurant, das kreolische Küche anbot, was letztendlich die „traditionelle“ kubanische Kost darstellt. Zur Auswahl stand eine Vielzahl von einem Gericht, nämlich gekochtes Fleisch vom Schwein mit Reis und Bohnen. Für Vegetarierer gab es folglich kein Fleisch mit Reis und Bohnen. Zugegebenermaßen war das Gericht jedoch sehr lecker. Es zahlt sich eben aus, sich auf Weniges zu konzentrieren. Danach orderten Herr Schmidt und Herr Beyer noch Kaffee, wo jedoch Lazaro zu einer anderen Lokalität riet. Eine schicke Cafeteria lag einen Viertelkilometer entfernt und war neu eröffnet worden. Lazaro genoss es sichtlich mit seinen drei neuen Freunden in der modernen Cafeteria einen Kaffee zu schlürfen, sich immer wieder mit seinen Kumpanen vor der Tür auszutauschen und dann erneut die interkulturelle Interaktion anzuregen. Zum Glück war es nun kurz vor sechs und die drei Radfahrer mussten zu ihrer Unterkunft. Doch zuvor ließ es sich Lazaro nicht nehmen, sie noch seiner Familie vorzustellen und in seine Wohnung zu führen. Er interessierte sich sehr für Design, Mode und hatte eine kleine Schuhboutique, die es in der Auswahl definitiv nicht mit dem Schuhschrank einer durchschnittlichen deutschen Frau aufnehmen konnte. Schlussendlich rissen sich die drei Radler von Lazaro los und vertrösteten ihn auf „manana“, wann auch immer das sein sollte.

Kurz nach sechs gelangten Frau Gackstatter, Herr Schmidt und Herr Beyer schließlich zum Landhaus am Stadtrand neben dem Stadium. Bei der Unterkunft handelte sich nicht um eine Casa particular, welche üblicherweise die Touristen beherbergt und bestimmte Standards erfüllen muss, wie zum Beispiel fließend Wasser, Klimaanalage, Frühstück mit Ei, Brot, Kaffee, Milch und Honig. Aufgrund der vielen Spiegel an der Wand und an der Decke war davon auszugehen, dass es sich (a) entweder um den Spiegelsaal zu Versailles oder (b) ein Etablissement für besondere Anlässe handelte. Da Guines nicht in Frankreich liegt, musste (a) ausscheiden und tatsächlich fand Frau Gackstatter in der Lektüre „Kulturschock Kuba“ heraus, dass es sich hier um ein Stundenhotel, welches es wohl gehäuft in Kuba gäbe, handeln müsse. Doch egal: Die Räder konnten sicher verstaut werden. Es gab eine Dusche, auch wenn deren Konstruktion, wie auch in manch anderer kubanischen Unterkunft, alles andere als sicher erschien. Und schließlich fanden Frau Gackstatter und Herr Schmidt ein „durchgelegenes“ Doppelbett vor, wobei für Herrn Beyer noch ausreichend, im Dämmerlicht als wohl sauber zu beurteilender, Boden für die Isomatte vorhanden war. Es ließ sich also hinreichend gut nächtigen, auch wenn der Schlaf, wie so oft in Kuba wenig erholsam werden sollte. Das nächtliche Schwitzen, welches nicht auf vermehrte nächtliche Aktivität oder konsumierende Erkrankungen, sondern auf das warme und schwüle Klima zurückzuführen war, bescherte den Mitteleuropäern einige Schlafprobleme. Ebenso wie die Mücken, die sich unter diesen Bedingungen pudelwohl fühlten. Und zuletzt war wohl auch der abendliche Genuss kubanischen Kaffees, der als einer der stärksten der Welt gilt, nicht ganz unschuldig daran.

 

Nachtrag: Dieser Beitrag gibt einen kleinen Ausschnitt aus dem Radleralltag von Frau Gackstatter, Herrn Schmidt und Herrn Beyer wieder. Mitunter mag er konfus wirken, was dem Jetlag geschuldet ist. Außerdem fällt es Herrn Beyer schwer, diese völlig andere Welt, in die er nur einen kurzen Einblick hatte, gut darzustellen. Eine „Live-Reportage“ wie in Chile war übrigens nicht möglich, da es an Zugriffsmöglichkeiten auf das WWW mangelte. Schließlich hofft Herr Beyer, hier noch einige kleinere Informationen aus der Kubareise festzuhalten und mit seiner Leserschaft zu teilen.

 

 

 

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