Radlos, nein – rastlos, ja.

Das Hinterrad zerlegts! Speiche Nummer 5 riss auf einer Abfahrt in Richtung Villa Manihuales. Das harmonische Zusammenspiel zwischen Hinterrad und Rahmen wickelte die Speiche zugleich schön um die Nabe. Das hätte auch ins Auge gehen können! Meine letzte Ersatzspeiche setzte ich ein. Das war die oLetzte von den Dreien, die ich in Castro erworben hatte. Dicke Stahlspeichen, gar ein Stückchen zu kurz, so dass sie noch zusätzlich Druck, oder besser Zug, auf die ausgelutschten und gebrechlichen Aluspeichen ausübten. Die letzte Speiche, die riss, die Fünfte, war in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Stahlspeiche.

Nun hieß es Durchhalten über 80 Kilometer bis Coyhaique. Daumendrücken half da nichts. Ich hoffte, dass Treten mit größter Geschmeidigkeit gewinnbringend sein könnte. Während der Fahrt exerzierte mein Kopf folgende Szenarien durch – einfach so, ohne mich um Erlaubnis zu bitten:

1) Aufgeräumter Radladen, ausreichend Speichen in der passenden Länge, gute Radmechaniker: Juhu, 36 neue Speichen! Meine liebste und die zugleich günstigste Variante.
1′) Aufgeräumter Radladen, wenige Speichen in der passenden Länge, gute Radmechaniker. Ich hätte versucht auf Punkt 2 auszuweichen. Falls dies nicht möglich gewesen wäre, wäre ich mit den wenigen Ersatzspeichen weiter, hätte gehofft, dass sie in ihrer Zahl ausreichend sind und hätte bei jedem erneuten Speichenwechsel geflucht. Eine nervenaufreibende, gleichsam lehrreiche Übung.
2) Aufgeräumter Radladen, keine passenden Speichen, jedoch Ersatzlaufrad mit Steckachse – ich weiß, blödes, neumodisches Zeugs! – relativ teuer, aber Weiterfahrt. möglich.
3) Radladen von vor Vorgestern ohne passende Speichen und ohne Ersatzlaufrad – Sch***! Oder: Joder! Es wurden weitere Subszenarien erwogen:
– 3a) Umbuchen und Zurückfliegen. Radlos macht es nur halb soviel Spaß.
– 3b) Rad deponieren und mit dem Bus nach Puerto Montt – eine Tagesreise in eine Richtung. Ersatz besorgen und wieder zurück. Harakiri, aber möglich. Ein deutscher Reiseleiter hatte zuletzt von zwei französischen Tandemfahrern berichtet, die genau dieses Vorgehen von Punta Arenas aus gewählt hatten. Viertausend Kilometer Bus für eine Ersatzachse, womit die beiden noch schlappe 550 Kilometer von Punta Arenas nach Ushuaia geradelt sind. Das ist ganz klassischer Panamericana-Wahnsinn der Alaska-Feuerland-Fahrer. Die Relation zu den kleinen Ausschweifungen meiner Person
wird der Leserschaft deutlich machen, dass ich völlig, ich betone „völlig!“, normal bin.
– 3c) Neues Rad vor Ort kaufen. Eine riskante Luxusvariante. Nicht nur teuer, sondern mit dem Risiko behaftet, dass mein perfekt auf mein Rad eingeschliffener muskuloskelettale Apparat völlig aus dem Gleichgewicht geriete.
– 3d) Rad deponieren, Rucksack kaufen und, ich traue es mich fast nicht auszuschreiben, als Backpacker mit Bus und per Anhalter nach Villa O’Higgens und zurück fahren. Danach weiter als Variante 3a, also quasi 3a‘, oder mit Rad im Gepäck mit dem Bus über Argentinien nach Patagonien zu den dortigen Highlights tingeln. Auch wenn es gewaltig am Radlerego gekratzt hätte, die sinnvollste 3er-Variante.

Das Backpacker-Dasein blieb mir, Gott sei Dank!, erspart. Die Leser werden dies an der Leichtigkeit meines Erzählstils bereits vernommen haben. Zudem wären detaillierte Ausführungen zu einer reellen Variante 3d, wäre sie denn eingetroffen, nicht in Schwarz auf Weiß, sondern in Weiß auf Schwarz, quasi als Zeichen der Staatstrauer.

Jedoch, und ich bin überglücklich, ist mir schlussendlich Variante 1 begegnet. Per Zufall bin ich in den Laden, ja das Lädchen „Una Velocidad“, gestolpert, während ich eigentlich den Laden „El Figon“ suchte. Ein Glücksgriff in allen Belangen. Die beiden Radmechaniker waren super nett: Bei meiner anfänglichen Skepsis – es ging gerade um mein Rad! – durfte ich gar Ihre Werkstatt nutzen und selbst umspeichen. Der Jefe sortierte mit einer ordentlichen Messlehre die Speichen. Das Werkzeug war, wie es sich für einen ordentlichen Radladen gehört, an einer Holzwand. Gutes Arbeitsgerät von Parktool hing dort. Es lief gute Musik: SOS GEPE, ließ ich mir sagen. Und der deutsche Eigenbrödler bekam gar zwei Tassen Cortado. Also ganz viele Qualitätsmerkmale, wie sie auch in vielen guten deutschen Radläden zu finden sind.

Während des Schraubens fielen mir die Surly und Kona Rahmen auf. Viele waren es nicht, doch die Richtigen für das hiesige Gelände. Als ich noch Fragen zur Umgebung hatte, da ich gerne noch Claudia und Severin, die Radlerfreunde aus der Schweiz, auf einer anderen Route abfangen wollte, zeigte mir der Jefe Fotos von seinen Biketrips aus der Umgebung. Ja, Fotografieren konnte er definitiv auch!

Meine anfängliche Skepsis war also rasch gewichen und Spätestens beim Ausmerzen des Höhenschlages überließ ich den beiden Profis das Handwerk. In der Zwischenzeit wechselte ich auf eine neue Kette, eine Robuste, wie der Jefe betonte, so wie die Speichen, die Nippel und eigentlich alles in diesem Radladen. Carbon spielt auf den Pisten keine Rolle.

Der Wahnsinn kann weitergehen, auch wenn die Leserschaft bereits bemerkt haben wird, dass Kilometer und Höhenangaben in den letzten Blogs unter den Tisch fielen. Äußere und innere Um- und Zustände ließen Heldentaten leider nicht zu. Aber keine Sorge: Gestern habe ich mal kurz angetastet. Hundertfünfzig Kilometer, 2000 Höhenmeter, 20er Schnitt (moving average; der Speichenwechsel hat den Gesamtdurchschnitt versaut). Es ginge also noch, wenn es sein müsste.

4 Comments

  1. Mutti

    sieht ja fast so aus wie unsere Kitty, die dreibeinige Katze, Du wirst doch nicht zum Katzenfreund werden.
    Aber Glück hast Du ja schon mit Deinen Rad, anscheinend bist Du zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.
    Schon super,
    liebe Grüße mutti

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