Apuane und die Cave di Marmo.

Die Barrancas del Cobre in Mexiko, im Englischen auch Copper Canyons genannt, sind durch Christopher McDougalls Buch „Born to run“ berühmt geworden. Die Bewohner dieser unwegsame Gegend heißen Raramuri-Indianer bzw. Tarahumara. „Born to run“ ist eine Ode an jenes Volk, das sich unter anderem durch seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im Langdistanzlaufen auszeichnet. Christopher McDougalls Trainer Eric Orton vermutet, dass das unwegsame Gelände und die langen An- und Abstiege, die aus den Canyons heraus und in diese wieder hinein führen, die Raramuri-Indianer zu den besten Ultradistanzläufern weltweit machen. Der Besuch des Nachbardorfes ist für die Raramuri immer mit einer Grundlagenausdauereinheit verbunden: Erst geht es stundenlang den eigenen Canyon hinauf, danach müssen die Raramuri den Nachbarcanyon hinunterkraxeln. Man möge sich nur vorstellen, wie schwierig es unter diesen Umständen ist, die Schwarzwälderkirschtorte zum Geburtstags des Neffen mit auf dem Weg zu nehmen.

Bislang hat sich Ch. Beyer diese Mühen der Raramuri nicht wirklich vorstellen können. In den deutschen Mittelgebirgen, in denen er heimisch ist, kommt man auch ohne Auto und Zug schnell voran. Selbst zu Fuß kann man Erlangens Nachbardörfer Spardorf, Bubenreuth oder Möhrendorf in kurzer Zeit und ohne größere Anstrengungen erreichen. Und auch Ch. Beyers gelegentliche Ausflüge in die heimischen Alpen ließen sein Verständnis von der möglichen Beschwerlichkeit des Lebens der Raramuri nicht wesentlich wachsen. Das Bergwandern auf den mehr oder weniger gut befestigten Wegen ging immer recht flott voran: Zeitangaben konnte er halbieren und Etappen zu zweien oder dreien zusammenlegen.

Natürlich, liebe Leserschaft, vermuten sich zurecht, dass sich Ch. Beyers Verständnis vom beschwerlichen Leben der Raramuri in den Barrancas del Cobre nun grundlegend geändert hat. Nicht umsonst nimmt er einmal mehr einen ellenlangen Anlauf, um Ihnen das zu erklären. Dieses Verständnis, man könnte fast schreiben, diese Erleuchtung ist den aktuellen Wetterkapriolen zu verdanken.

Wie kommt’s? Nun ja, zusammen mit dem ewigen Janka, dessen Göttergattin E. und der eigenen Göttergattin D. war ursprünglich eine Expedition zur Grande Traversata delle Alpi (GTA) ins italienische Piemont geplant. Über eine Woche lang wollten das Quartetto rund um das italienische Domodossola auf dem GTA wandern. Drei Tage vor der Anreise erreichte Ch. Beyer eine Nachricht des Hüttenwirtes des Rifugio Margaroli, in dem er Ch. Beyer bat, seine Wanderunternehmungen nochmals zu überdenken. Im Anhang schickte er einige Fotos seiner Hütte im Schnee mit der Anmerkung, dass alle anderen Gäste bereits abgesagt hätten. Aus einer Nachricht wurden zwei, drei, am Ende gar vier. Ch. Beyer bekam den Eindruck, dass der Hüttenwirt keine Lust hatte, sein Rifugio für vier Tedeschi aufzusperren. Doch vielleicht war es aber auch eine ernst gemeinte Warnung, dass die geplante Aktion wenig Sinn mache. Als sich das Quartetto endlich dazu entschließ, die Expedition abzubrechen, schickte der Hüttenwirt fünf Smileys und drei Sonnen-Emojis: Es schien, als seien ihm etliche Steine vom Herzen gefallen. Nachdem auch die übrigen Hüttenwirte ob der Absagen des Quartettos dankbar waren, schien tatsächlich die italienische Fürsorge im Vordergrund gestanden zu haben.

Nach Absage des GTA-Abenteuers musste zwei Tage vor Urlaubsbeginn also ein neues Abenteuer her. Das war natürlich alles andere als leicht: Wanderregionen identifizieren, An- und Abreise berechnen, Unterkünfte ausfindig machen, das Wetter berücksichtigten, und vor allem die leibliche Versorgung sicherstellen – den Göttergattinnen und damit auch dem eigenen Wohlergehen zu liebe: Happy wife, happy life!

Zwei Tage vor Abreise stand eine Mehrtageswanderung im französischen Jura auf dem Plan, ehe Ch. Beyer nochmals alles umschmiss. Die Cinque Terre hatte er zunächst im Visier, was ihm aber zu touristisch war. Doch, siehe da, an die Cinque Terre angrenzend lag ein unscheinbares, höheres Mittelgebirge oder ein niedrigeres Hochgebirge: Die apuanischen Alpen, beziehungsweise die Apuane, die sich zwischen La Spezia, Modena und Pisa erstreckt. Noch nie davon gehört, liebe Leserschaft? Das verwundert nicht. Als die Göttergattin E. im Erlanger Buchhandel keinen Reiseführer zur Apuane fand, wusste Ch. Beyer, das das Quartetto das richtige Reiseziel gefunden hatte.

Mehrere Fernwanderwege durchziehen die Apuane: Die Via Vandelli entlang einer alten Handelsstraße. Der Senterio dei Ducati, der ehemalige Fürsttümer und Fürstenresidenzen verbindet. Die Via del Volto Santo, eine Art kleiner Pilgerweg. Und schließlich führt auch die bekannte Via francigena, ein Pilgerweg vom englischen Canterbury nach Rom, durch die Apuane. Jedoch war für die avisierten 5 bis 6 Wandertage keiner der Fernwanderwege geeignet, selbst wenn Ch. Beyer versuchte, jeweils zwei Etappen zusammen zu legen. Daher bastelte er eine eigene Version mit ein wenig Ducati, ein wenig Vandelli und etwas Komoot.

Das Quartetto reiste mit dem Auto nach Castelnuovo del Garfagnana, wo es am nächsten Tag mit dem Zug zum Startort nach Sarzana gehen sollte. Bemerkenswert war, dass die Anreise sehr geschmeidig verlief, die letzten 90 Kilometer durch die nördliche Apuane jedoch mehr als zwei Stunden Autofahrt in Anspruch nahmen. Bergauf, bergab, Serpentine links, Serpentine rechts, verbesserungsbedürftiger Straßenbelag, Gegenverkehr, scharfes Abbremsen, und dann wieder von vorne. Ch. Beyer musste seinem Gleichgewichtssinn ein Päuschen auf einer Bank in der Sonne gönnen. Schließlich überlegte er, ob es nicht klüger wäre, die letzten 15 Kilometer zu Fuß zu gehen. Autofahren ist schlichtweg ungesund.

Die Zugreise von Castelnuovo über Pisa nach Sarzana war lohnenswert: Ein knapp einstündiger Zwischenstopp in Pisa ermöglichte es dem Quartetto zu prüfen, ob der Turm von Pisa immer noch schief war. Ein wenig albern war es schon, dass Hundertschaften versuchten so zu posen, dass es beim finalen Foto schien, als ob sie den Turm mit ihren Händen halten würden. In Zeiten moderner Bildbearbeitung ist das doch gar nicht mehr nötig. Doch egal, das Quartetto war schließlich zum Wandern da. In Sarzana verließ es den Zug, um nochmals eineinhalb Stunden in der Bahnhofskneipe zu verharren. Ch. Beyer gelang es nicht, wie Moses das Wasser nicht teilen, so sehr er sich auch bemühte. Und so stapften die vier Wanderer schließlich im strömenden Regen gen Fosdinovo.

Gleich von Beginn an fiel auf, dass der Ducati Wanderweg erstaunlich anspruchsvoll war: Verwurzelt, verwachsen, versteint. Das feuchte Klima hatte dieses Jahr für ordentlichen Wuchs gesorgt, berichtete Andrea, der Wirt in der ersten Unterkunft. Das heißt, das Quartetto musste sich mit den Wanderstöcken den Wanderweg frei schlagen und gleichzeitig auf den nassen Steinen balancieren. Abgänge in Dornbüsche waren leider zu verzeichnen. Nachdem die erste Unterkunft La Ginestra B&B nochmals zwei Kilometer außerhalb des Zielortes Fosdinovo lag, war der Wanderesprit kurzzeitig aufgebraucht. Nur gut, dass Andrea das Quartetto mit seiner Freundlichkeit und seinen Kochkünsten verzauberte. Es gab leckere Testaroli. Die Zimmer boten genügend Platz und auch einen Föhn, um die nassen Klamotten und Schuhe hinreichend zu trocknen.

Der nächste Tag ähnelte dem Ersten: Auf eine erste Trockenperiode folgten 20 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb der nächsten drei Stunden. Ch. Beyer hatte glücklicherweise am Vortag auf das Föhnen der Schuhe verzichtet, das das Regenradar bereits zu diesem Zeitpunkt nichts Gutes verheißen hatte. Endlich am Zielort in Equi Terme angekommen, musste das Quartetto schmerzlich feststellen, dass die beiden Restaurants im Ort an eben jenem Tag geschlossen hatten. Dabei hatte Google.maps zuvor anderes verlauten lassen. Ein Glück nur, dass die Ferienwohnung zwei Herdplatten und die Gastgeber einen kleinen Alementari hatten. Pasta mit Pesto, der deutsch-italienische Klassiker für jegliche Notsituationen.

Am dritten Tag zeigte sich das wahre Gesicht der Apuane und ihrer rohen Schönheit. Circa 20 km und über 2000 Höhenmeter, ein sportliches Programm, aber für Ch. Beyer und die Göttergattin D. durchaus machbar. Mit einem lädierten Knie wählten der ewige Janka und die Göttergattin E. die Direttissima zum Ziel, dem Rifiugio Guido Donegani. Immerhin 1300 Höhenmeter auf 9 km. Gestärkt mit Espresso und Cornetto liefen die vier Wanderer auf getrennten Wegen gegen 8:30 Uhr los. Der ewige Janka und die Göttergattin E. benötigen anstatt der von Komoot ausgepreisten viereinhalb Stunden ganze sechseinhalb Stunden. Ch. Beyer und die Göttergattin D. schafften es gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit gegen 21:30 Uhr zum Rifugio Guido Donegani. Dabei hielten sie die Pausen knapp und waren stets in Eile, anfänglich noch um gegen 17:00 Uhr rechtzeitig zum Abendessen am Rifugio zu sein, später nur noch um überhaupt anzukommen.

Nun, was war da passiert? Ch. Beyer hatte sich an der Apuane verschätzt. Die Wanderwege sind steil, verblockt, verwachsen, ausgewaschen: schlichtweg saulangsam, zumindest für die Flachlandtiroler aus Deutschland. Ch. Beyer möchte hier keinen falschen Eindruck hinterlassen: Die Landschaft der Apuane ist wunderschön und Ch. Beyer und sein Bewegungsapparat befürworten die unwegsamen Wege: Alle nur denkbaren Bewegungsausmaße werden hinreichend beansprucht. Nur die zeitlichen Vorstellungen, die Ch. Beyer bei seinen Abenteuern in deutschen Mittel- und Hochgebirgen erworben hatte, musste er gehörig revidieren: In der Apuane galt nicht mehr der Umrechnungsfaktor 1/2, sondern der Faktor 2!

Die Zeitangaben auf den Wegweisern der Apuane sind nämlich optimistisch gewählt. Anstatt angegebener eineinhalb Stunden benötigen Ch. Beyer und die Göttergattin D. zweieinhalb Stunden, an Stelle einer Dreiviertelstunde eher eineinhalb Stunden. Und hier begann Ch. Beyer eben zu grübeln, ob die Bewohner der Apuane vielleicht mit den Raramuri verwandt sein könnten. Handelt es hier auch um Ultradistanzasse? Oder haben die Wegewarte einfach Zeiten angegeben, die die dortigen Bergziegen und Gamsböcke für die Strecken benötigen?

Ch. Beyer und seine Göttergattin D. waren am Ende des Tages heilfroh, gerade noch rechtzeitig im Rifugio Guido Donegani anzukommen, die nassen Schuhe in die Ecke werfen zu dürfen und um fast 10 Uhr Abends noch Bohnensuppe und Polenta serviert zu bekommen. Der ewige Janka und die Göttergattin E. schienen ebenfalls erleichtert, als die Weggefährten noch am selbigen Tag am Rifugio ankamen.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Das soll Einstein gesagt haben. Dementsprechend darf der darauf folgende Wandertag bestehend aus 20 Kilometern und 1300 Höhenmetern in der Apuane als „Wahnsinn“ gewertet werden, nicht wahr? Es gab aber keine Alternative, um zur gebuchten Unterkunft nach Vianovia zu gelangen. Zudem schien, als ob der ewige Janka und die Göttergattin E. die Dimensionen oder besser die Umrechnungsfaktoren der Apuane noch selbst erleben wollten. Im Gegensatz zu den Vortagen stand nun auch durchwegs gutes Wetter auf dem Programm.

To make a long story short: Die Fünfmarkstück-großen Blutblasen, die sich die Göttergattin E. in ihren neuen Wanderschuhen an einem fünf Kilometer langen, sehr steilen Abstieg zuzog, bewahrten das Quartetto vor Schlimmeren. Nachmittags gegen 15:00 Uhr, als gerade einmal die Hälfte der Strecke nach Vianovia bewältigt war, war das Quartetto gezwungen, eine Alternative zu suchen. Tatsächlich bot das näher gelegene Gorfigliano eine Unterkunft, die auch mit lädierten Füßen am selbigen Tag erreichbar schien. Nach langem Hin- und Her, Wechsel auf Turnschuhe und Wechsel auf die geteerten Belag, brach sich das Quartetto nach Gorfigliano auf. Eine gute Entscheidung! Es wartete nicht nur eine schöne Unterkunft, sondern auch die besten Holzofenpizza, die Ch. Beyer seit Langem gegessen hatte: Die Pizzeria La Nina, mitten in Gorfigliano, urig, authentisch, mit Dr. House in der Endlosschleife. Und der Gastgeber im ursprünglich avisierten Vianovia machte wohl das Geschäft seines Lebens!

Der letzte Wandertag war kurz: Auslaufen von Gorfigliano nach Piazza El Serchio, auf fast normalen Wegen, in fast normalem Tempo: Trotz 450 Höhenmeter bewältigten Ch. Beyer und die Göttergattin D. die letzten 10 Kilometer in zweieinhalb Stunden. Sehr untypisch für die Apuane! Die Göttergattin E. schonte ihre lädierten Zehen, die selbst bei eingefleischten Ultraläuferinnen zu bewundernden Staunen führen würde, der ewige Janka sein lädiertes Kniegelenk. Sie fuhren mit dem Bus nach Castelnuovo und holten dort das geparkte Auto, das das Quartetto wieder zurück ins heimische Erlangen bringen sollte.

Ch. Beyer ist durchaus klar, dass der Vergleich der Kupferschluchten Mexikos mit den Marmorbergen Italiens hinkt. Dennoch fand er einige schöne Parallelen. Gerade das Gespräch mit den Hüttenwirten des Rifugios Guido Donegani machte klar, dass Ch. Beyer und seine Begleiter nicht die Ersten waren, die von dem schwierigen Terrain und dem Wetter der Apuane überrascht wurden. Die Einheimischen scheinen tatsächlich aus besonderem Holz geschnitzt zu sein. Auf die Frage, wer die das Baby der hochschwangeren Hüttenwirten wohl entbinden werde, antwortet diese, dass das nächste Krankenhaus in Barga circa eineinhalb Stunden entfernt sei und sich die „Mama“ um die Entbindung kümmern werde. So scheint es, dass die anspruchsvolle Umgebung der Barrancas del Cobre die Raramuri genauso formt, wie die Marmorberge der Apuane die dort ansässigen Italienerinnen und Italiener. Vielleicht könnte Ch. Beyer den Schriftstellerkollegen Christopher McDougall darauf ansetzen, da er ja nicht nur großes Lob für die Raramuri in „Born to run“, sondern auch für die Kreten in „Natural Born Heros“ fand. Beide Bücher, liebe Leserschaft, sind übrigens absolute Leseempfehlungen: Fast so unterhaltsam wie der Radness-Blog.

Einen hätte Ch. Beyer übrigens noch: Vielleicht sollte er der Göttigergattin E. ein paar Luna sandels bestellen, die modernen Äquivalente der Raramuri-Sandeln. Druckstellen hätte sie dann nicht mehr zu fürchten. In Anbetracht der Dornen, Äste und Steine in der Apuane sind die Luna sandels aber vielleicht doch eine blöde Idee. Eines ist nämlich gewiss: Die Apuane hat das Quartetto nicht ein letztes Mal gesehen.

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