Alles hat ein Ende – nur das Rad hat keins.

Der Physiker aus Boston mit Hungerast begegnet mir genau im richtigen Moment. Er hat meinen gestrigen Tag gerettet – okay, das wäre übertrieben geschrieben – doch zumindest geglättet. Denn so schlimm war der Tag nun auch nicht gewesen: Sieben Stunden gegen den patagonischen Wind, dabei 95 Kilometer zurückgelegt und bei Kilometer 85 und 95 Speichenbrüche.

Klingt doch schlimm? – Nun, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und so langsam habe ich mich an den patagonischen Wind gewöhnt. Zumindest den nördlich von Fuerland, was nochmals ein eigenes Erlebnis sein soll. Von hinten ist der Wind ja wunderbar und von vorne ist er wunderbar für Ironman-Training: Unterlenker und stundenlanges Drücken. Kienle geht in den Windkanal und Beyer nach Patagonien. Dafür könnte Mercedes eine Kiste springen lassen. Einen Vario würde ich gar fahren, manchmal. Doch zurück zum Wind: Von der Seite ist er mir immer noch nicht geheuer, insbesondere, wenn passierende Fahrzeuge die Windkante zum Abrechen bringen und mich um einen Meter zur Seite versetzen, plötzlich, ohne irgendeine Chance dagegen zu steuern. – Und die lieben Speichen? Es war eine Wette, ob sie mit höherer Spannung halten. Eine Wette, die ich verloren habe. Die meisten Speichen scheinen einen Treffer abzuhaben und geben trotz höherer Spannung nach.

Meinen ursprünglichen Plan zur Laguna Armada unmittelbar vor den Torres del Paine Nationalpark zu fahren, dort wild zu campen (wird geduldet), am nächsten Tag im Park zu wandern, erneut wild zu campen und tags darauf durch den Park und dann über eine Schotterpiste (Y290 für die Patagonienradler) nach Puerto Natales zurück zu radeln, hatte ich nach dem zweiten Speichenbruch bei Kilometer 95 über den Haufen geworfen. Zwar wären es nur noch 15 Kilometer bis zur Laguna Armada und dem Nationalpark gewesen, aber noch war ich auf Teer und der Miniort Cerro Castillo war bei 35 Kilometer Rückenwind gut zu erreichen. Ich hatte diesen bei Kilometer 60 passiert. Also erneut Speiche tauschen und zurück.

Auf dem Rückweg beschäftigte mich am meisten die Frage, was ich mit all den Keksen und der Limonade machen sollte, die ich für den Dreitagestripp eingekauft hatte. Ich hatte mehr als zehn Packungen Kekse dabei und drei Liter Soda. Das Trinken und Essen konnte ich nicht einfach wegwerfen. Doch das Zeugs schmeckt im normalen Leben nicht; nur das Radfahren führt zu einer Geschmacksverschiebung; nein besser: Verzerrung; oder noch besser: Störung. Das klingt medizinisch korrekt! Bereits im Vorfeld dieser Reise hatte ich es erlebt, dass sich Radkollegen nur noch von weißer Nougat oder Snickers oder Nutella ernährt hatten.

Es quälte sich mir ein anderer Radler ohne Gepäck, ein Tagestourler, entgegen, bergauf und gegen den Wind. Als er mich sah, steuerte er direkt auf mich zu. Ob ich denn ein Schild für das Hotel „TierraPatagonia“ gesehen hätte. Hatte ich, nur wusste ich nicht mehr genau wo, so dass ich ihm erklärte, dass es höchstens noch 15 Kilometer sein müssten, da ich vor 15 Kilometer umgedreht war. Bei den aktuellen Bedingungen und seiner Verfassung wäre das gut und gerne drei Stunden gleich gekommen. Zugleich wollte er wissen, ob ich Wasser für ihn hätte. Er hätte sich verfahren, wäre in strömenden Regen geraten und hätte gegen massiven Wind gekämpft. Da grinste ich schon, innerlich: „Den hat es erwischt! Volle Breitseite. Hungerast.“ Und freuen, das tat ich mich auch, den er entlastete mich meiner Sorgen: ich packte 1,5 Liter Fanta aus, einmal Großpackung Chocolate Chips und einmal Großpackung Zitronenkekse. – Und Kinder! Ihr hätte ihn sehen sollen! Wie er darüber hergefallen ist! Er konnte seine Haltung nicht mehr wahren. Keine Chance. Zu groß waren Hunger und Durst. Und während er Kekse mampfte und Fanta in sich hineinschüttete, berichtete er, dass er Physiker sei und in Boston lebe. Kurz überlegten wir gemeinsam, wie es zu den vielen Speichenbrüchen kommen konnte. Ansonsten war der Gute weiter mit Keksen und Fanta beschäftigt und bat mich gar weiter zu radeln: Er käme jetzt alleine zurecht. Die Situation war ihm beim Wiedererlangen eines angemessenen Blutglucosespiegels sichtlich unangenehm. Doch dabei ist ein Hungerast das Natürlichste der Radlerwelt. Wer hat ihn nicht selbst schon erlebt? Übrigens lehnte der Hungerast-Physiker aus Boston das Angebot von mehr Keksen und Limonada (ich hatte noch 1,5 Liter Sprit(e) für Radfahrer) dankend ab.

Am Ende des gestrigen Tages hatte ich noch Weiteres abzugeben. Schon seit einigen Tagen wusste ich, dass ich meine Gasvorräte zu großzügig bemessen hatte. Und siehe da, im Hostales in Cerro Castillo – es gibt dort nur eines! – traf ich auf Erico, einem Reiseradler aus Italien. Um die 55 Jahre alt, ohne Familie, hat er seinen Job als Chemieingieneur hingeschmissen und sich auf Radreise begeben – eine Konstellation, die hier gar nicht selten anzutreffen ist. Er war am selbigen Tag 70 Kilometer geradelt, wobei er für die letzten 40 Kilometer aufgrund des Windes fünf Stunden benötigt hatte. Im gab ich eine meiner Gaskartuschen, sowie ein paar Tabletten Prednisolon (Kortisonderivat). Er hatte nämlich auf einen Insektenstich am Unterarm vor zwei Tagen mit einer massiven Schwellung reagiert. Ein Arzt vor Ort hatte ihm schon ein Kortisonderivat gespritzt und Antihistaminka mitgegeben. Als Rheumatologe hatte ich Prednisolon/Kortison natürlich dabei: Allergische Reaktion, Höhenhirnödem, plötzliches Eintreten einer rheumatoiden Arthritis. Das Medikament gehört in eine gute Radlerapotheke! Mit Erico, obwohl er perfekt englisch sprach, verstand ich mich übrigens bei Weitem nicht so gut wie mit Adriano, der nur drei Wörter Englisch kannte.

Heute bin ich 60 Kilometer von Cerro Castillo nach Puerto Natales zurückgeradelt (nur ein Speichenbruch, der 13. und Letzte, Anmerk. des Autors). Ich habe mir für den morgigen Tag ein Busticket für den Nationalpark gekauft und werde das für Donnerstag wohl auch tun. Für Freitag habe ich ein Busticket nach Punta Arenas, wo nächste Woche der Flieger nach Santiago geht. Die Option Ushuaia habe ich gestrichen. Zwei Tage Bus, um dort ein oder zwei Tage zu wandern? Kosten und Nutzen wären hier für mich nicht im richtigen Verhältnis. Besonders nach dem vielen Radfahren, wo der ganze Tag Erlebnis ist, ist es für mich schwer nachvollziehbar, welch große Strecken einige Touristen zurücklegen, um hier und dort ein Stückchen Erlebnis zu bekommen. Doch vielleicht schaffe ich es in den verbleibenden Tagen noch, meine Perspektive zu wechseln und eine lange Busfahrt oder einen langen Flug zum Erlebnis zu machen.

Nachdem ich Ushuaia von der Liste gestrichen hatte, habe ich mich weitere vier Tage im „Magic House“ in Puerto Natales einquartiert. Bei meiner überraschenden Rückkehr wurde ich von der Chefin Maria herzlich empfangen (Die Leserschaft bemerkt hoffentlich, dass ich schon für meine Rückkehr übe. Anmerkung des Autors). Hat das Rad(fahren) nun doch ein Ende? Nein, natürlich nicht! Nur in den nächsten beiden Wochen wird pausiert.

P.S. Worte statt Taten: Die Leserschaft braucht keine Gedanken daran zu verschwenden, von Ihrer Pflicht der regelmäßigen Bloglektüre befreit zu sein. Worte werden auch ohne Taten folgen. Zudem stehen noch Berichte zu Torres del Paine und zum patagonischen Wind aus. Ein Rück- und ein Ausblick wären schön. Letzterer soll durchaus als Einladung zur Teilhabe am nächsten Radabenteuer verstanden werden.

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