Den süßen Punkt finden.

Die Doppeldeutigkeiten liegen wieder in der Luft. Ch. Beyer kann sie förmlich riechen. Doch wunderbar findet er es, dass ein jeder mit dem ihm zur Verfügung gestellten Farben unterschiedliche Bilder malen kann. Freilich müsste Ch. Beyer eher vom „zur Verfügung gestellten Material“ und den „verschiedenen Installationen“ schreiben, um auch den Auditiven und den Kinästheten unter den Lesern gerecht zu werden. Doch schwerfällig schreibt sich es in der Emanzipation, weswegen er seit einiger Zeit auch feminine Seite seiner Leserschaft im Text ausblendet und nur noch von den „Lesern“ schreibt.

Jedenfalls darf sich jeder Leser, und auch die Leserin, zunächst Ihre eigene Assoziation zum „süßen Punkt“ oder dem englischen Korrelat, dem „sweet spot“, machen. Der eine mag an die optimale Position in Relation zu seiner Hifi-Anlage denken, der andere an die optimale Einstellung seines Objektivs an der Kamera. Wieder ein anderer denkt an einen bestimmten Punkt seiner Rückhand, die den Tennisball treffen soll, und noch ein anderer konzentriert seine Denkanstrengungen auf den hochsensiblen Punkt maximaler dermaler Innervation, den es zu reizen gilt. Jedem das Seine!

Natürlich denkt Ch. Beyer beim „sweet spot“ an etwas völlig Anderes, etwas Fundamentales: Er möchte wissen, wo sich die ideale Balance im Leben befindet, zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Belastung und Entlastung, zwischen Radfahren und Ruhen. Während halbtägiges Radfahren ausreichend Erholungszeit bietet, führt ganztägiges Radfahren zu zunehmendem körperlichen und geistigen Substanzverlust. Aber wie steht es um dreivierteltägiges Radfahren, um 14, 15, 16, 17 oder 18 Stunden? Ch. Beyer ist fleißig am Testen.

Die letzten Resultate dieser feinen Feldstudie, die so heißt, da sie draußen im Feld stattfindet, stammen vom vergangenen Wochenende. Hier hat Ch. Beyer den Gunnar Fehlau gemacht, denn Deutschlands Bikepacker Nummer eins, ist soeben in der Sommerpause. Hr. Fehlau ging sogar soweit, seinen Blog bei www.overnighter.de auf Sommerpause zu schalten, so dass man momentan nichts oder nicht viel dort findet. In aktiven Zeiten bekommt man hingegen den Eindruck, dass Hr. Fehlau fast täglich einem auswärtigen Geschäftstermin nachgeht, nicht ohne diesen in einen netten Overnighter zu gießen. Man findet Hr. Fehlau dann im Unterholz zwischen Rad und Flachmann vor dem Lagerfeuer auf der Isomatte liegen, den Anzug sicher verstaut in einer seiner Bikepacking-Taschen.

Einen „Quasi“-Geschäftstermin in Übersee am Chiemsee machte sich Ch. Beyer ebenfalls zu Nutze, um ein Microadventure zu starten: Anreise und Abreise mit dem Rad. Da Regen angekündigt war blieb das Rennrad zu Hause und das Reiserad mit Schutzblechen wurde bewegt. Der Hinweg war direkt, so dass Ch. Beyer circa 12 Stunden benötigte, der Rückweg beinhaltete ein Bögelchen, so dass sich die Reise auf 16 Stunden ausweitete. Und das Ergebnis lautete: Nach der Anreise dachte Ch. Beyer, dass er sofort wieder zurückradeln könne; nach der Rückreise hingegen entwickelte Ch. Beyer ein Fress- und Fatiguesyndrom (FFS), dass ihn noch am frühen Abend des Folgetages in seinem Sessel in den Schlaf rang. Ergo muss der „sweet spot“ zwischen 12 und 16 Stunden Radfahren und Rest Ruhen liegen. Das ist zum Glück ein relativ breiter Zeitraum, der in den nächsten Wochen genauer erforscht werden will.

Unabhängig von der „sweet spot“-Feldstudie bot das Microadventure natürlich einiges an Erzählstoff. Von den sensationellen Morgendämmerungen und Sonnenaufgängen mag Ch. Beyer schon gar nicht mehr berichten, um den Leser nicht allzu sehr zu langweilen. Doch sind die Fotografien fortlaufender Beweis dafür, dass der frühe Vogel den Wurm fängt.

Neuen Erzählstoff inklusive Klangexempel, denn Ch. Beyer ist nun auch glücklicher Besitzer eines Highend-Olympus-Diktiergerätes, bot ein ordentliches Rumms-Bumms-Sommergewitter kurz vor dem Zielort Übersee am Chiemsee. Unmittelbar vor dem Rumms-Bumms-Sommergewitter überholte ein junger, heimisch aussehender Zeitgenosse Ch. Beyer mit einem Trekkingrad mit dünner Bereifung auf mehr oder weniger festen Schotter (guter Ripio, könnte man in Hommage an die Chile-Tour schreiben). Der Junge trat kräftig in die Pedale, seine Waden verformten sich bei jedem Tritt und der Rahmen seines Rades ein wenig mit. Ch. Beyer meinte zunächst, der junge Mann sei von der Tarantel gestochen worden und müsse nun möglichst schnell zur nächsten Apotheke, um Antidot zu erhalten. Nur blöd, dass es am Chiemsee keine Taranteln gab und Ch. Beyer musste seine Hypothese verwerfen. Sein stetig wiederkehrender, nach oben gerichteter Blick ließ Ch. Beyer vermuten, dass der junge Herr an Halluzinationen im Rahmen eines Drogenentzugdelirs leiden könnte, zumal Genosse Söllner auch unten in Südbayern sein Gras wachsen lässt. Doch für ein Delir schienen die übrigen Bewegungen des jungen Mannes zu koordiniert. Also verwarf Ch. Beyer auch diese Hypothese. Die Lösung des Rätsels offenbarte sich kurz später: Als es innerhalb von 200 Metern, also kaum 30 Sekunden, von kleinen Regentropfen auf großes Rumms-Bumms-Sommergewitter wechselte, bestätigte sich die alte Regel, dass man den einheimischen Radfahrern immer große Beachtung schenken sollte.

Der junge Mann preschte trotz des Gewitters weiter nach vorn und schien die Wasserfronten mit schneidender Geschwindigkeit teilen zu wollen. Ch. Beyer, dessen übliche Strategie jene der Wasserteilung gewesen wäre, wählte dieses eine Mal die Tugend des Verständnisses und der Akzeptanz. Eine große Scheune mit noch größerem Vordach, die wohl von der Landesjustizanstalt bewirtschaftet wird, leistete ausreichend Unterstand. Nach einer halben Stunde ließ der Regen nach. Nach einer Dreiviertelstunde hatte der Himmel ausgespuckt, was es auszuspucken gab. Ch. Beyer setzte den Weg zum „Quasi“-Geschäftstermin fort.

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