Qualitätskilometer.

Das deutsche Volk sucht jährlich nach dem „Unwort des Jahres“, zumindest seit 1991: In jenem Jahr definierte der Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser erstmalig das „Unwort des Jahres“. Bis 1994 wurde das „Unwort des Jahres“ dann jährlich von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ausgewählt, ehe sich die Jury für das „Unwort des Jahres“ nach einem Konflikt mit der Vorstandschaft der GfdS als „Sprachkritische Aktion des Unwortes des Jahres“ selbständig machte. Im vergangenen Jahr wählte eben jene „Sprachkritische Aktion“ den Begriff „Alternative Fakten“ als Unwort des Jahres, 2016 war es „Volksverräter“ und 2015 „Gutmensch“. Andere beliebte, oder eben unbeliebte Unwörter waren „Kollateralschaden“ (1999), „sozialverträgliches Frühableben“ (1998) oder „Renterschwemme“ (1996).

Das deutsche Volk sucht also das „Unwort des Jahres“, es malt den Teufel an die Wand, säuft nur aus dem halb vollem Glas und zeigt ein gewisses Talent dafür, Dinge schlecht zu machen. Die doppelte Verneinung ist das Ding des Deutschen. Nicht geschimpft ist genug gelobt. Auch an der Leistung eines Olympiasiegers gibt es genug auszusetzen, die letzte Rekordbilanz des Autoherstellers war schon besser und die Klum sah auch mal gut aus – ja, die Stimme war tatsächlich schon immer ein Graus!

Da ist es gerechtfertigt, wenn sich Ch. Beyer fragt, was wäre, wenn es genau umgekehrt wäre. Ginge es dem deutschen Volk nicht besser, wenn es Dinge gutheißen und nicht schlecht reden würde. Würde der Glanz des Olympiasiegers noch heller strahlen, wenn er gelobt werden würde. Würde der Autohersteller noch mehr Aktien nach China verkaufen, wenn die deutsche Presse die Rekordbilanz würdigen würde. Würde die Klum endlich zufrieden sein, wenn man sowohl ihr Aussehen als auch ihre Stimme reizvoll fände – ja gut, Michael Mittmeier sagte einmal: „Komm sei still und setzt Dich her!“

Ch. Beyer ist jedenfalls fest entschlossen, die Hypothese, was wäre, wenn es genau umgekehrt wäre, zu überprüfen. Und da geschrieben steht: „Am Anfang war das Wort.“, wendet sich Ch. Beyer zunächst ans „Wort“. Aus dem „Unwort“ macht er also ein „Wort“ und propagiert die Suche nach dem „Deutschen Wort des Jahres“. Auch wenn die Gründung eines eingetragenen Vereins „Sprachfreundliche Aktion des Wortes des Jahres“ noch aussteht, möchte Ch. Beyer bereits einen ersten Vorschlag für das „Deutsche Wort des Jahres 2018“ machen:

„Qualitätskilometer“

Ch. Beyer ist fest überzeugt, dass keine andere Sprache die Ausdrucksgewalt des urdeutschen Wortes „Qualitätskilometer“ übertreffen kann. Der Leser möge sich doch die Alternativen laut zu Gemüte führen: „Quality kilometers“, oder „Kilomètres de haute qualité“, oder „Kilometres de qualidad“, um bei den romanischen Sprachen zu bleiben. Die Vollkommenheit und Wucht von „Qualitätskilometer“ geht in den fremden Sprachen verloren.

Nun, wie definiert Ch. Beyer „Qualitätskilometer“? Ganz einfach: Es handelt sich um eine mit dem Rad zurück gelegte Strecke von 1000 m (internationale SI Einheit), die sich durch erhöhte Qualität, insbesondere erhöhte Schwierigkeiten, auszeichnet. Zu den erhöhten Schwierigkeiten zählen Wind, Steigung, Kälte, Nässe, Hitze, Höhe, Mangelversorgung, Verkehr und technische Defekte (insb. Speichenbrüche). Vor allem die Kombination mehrerer Schwierigkeiten zeichnet „Qualitätskilometer“ aus.

Zusammen mit Herrn Anscheré und Herrn Kleyé sammelte Ch. Beyer in der französischen Provence vor zwei Wochen zahlreiche „Qualitätskilometer“. Zugegebenermaßen lagen keine Herausforderungen hinsichtlich Hitze, Nässe, Höhe, Verkehr und technischer Defekte vor. Einen Bruch eines Flaschenhalters konnte Ch. Beyer mit geschickter Anlage dreier Kabelbinder provisorisch flicken. Steigung, Wind und die mittägliche Mangelversorgung (zwischen 12:00 Uhr und 15:30 Uhr schließen die französischen Geschäfte) waren jedoch durchaus beachtlich und zeichneten die absolvierten Kilometer als „Qualitätskilometer“ aus. Der windstille, flache Kilometer in der Provence blieb bis zuletzt eine Illusion.

Zugegebenermaßen wuchsen die Schwierigkeiten von Steigung und Wind jeden Abend nach dem dritten Glase Wein nochmals deutlich. Da die drei Franken den mittäglichen Kalorienmangel am Abend ausgleichen mussten, litten ihre Gastgeber Béatrice und Peter (Vitaverde in Cruis) am Folgetag ebenfalls unter mittäglicher Mangelversorgung: Die zusätzliche Portion Risotto war eigentlich als Mittagessen für den Folgetag gedacht gewesen. Dabei hatten die drei Franken auch beim Abendessen das Gefühl, dass sie weiter gegessen hätten, wenn es noch mehr Risotto gegeben hätte. Selbst wenn der Hunger gestillt gewesen wäre, so hätte doch der Appetit weitergegessen.

Ch. Beyer verzichtet bewusst darauf die Vitaverde, das Örtchen Cruis und die Provence weiter zu bewerben. Er hofft darauf, auch in Zukunft auf gottverlassenen Sträßchen in reizvoller Landschaft „Qualitätskilometer“ zu sammeln. Es reicht schon, dass es die Rennradrentner, die das Örtchen Cruis bevölkern, bemerkt haben, dass es sich in der Provence ausgezeichnet radeln und leben lässt: Allesamt Zugezogene die topfit ihre „Qualitätskilometer“ absolvieren.

Das wäre dann wohl noch ein zusätzliches Kriterium erhöhter Schwierigkeit, was einen „Qualitätskilometer“ auszeichnet: Ultrafitte Rennradrentner, die dem verzweifelt kämpfenden Radfahrer das Nachsehen geben.

3 Comments

  1. Peter

    Lieber Chuckleberry,
    ausgezeichnete, wortgewaltige, kreative sowie humorvolle Erzählung! Wunderbar zu lesen! Danke Dir!

    Zwei Themen, die ich faszinierend fand:

    „[…] Zu den erhöhten Schwierigkeiten zählen Wind, Steigung, Kälte, Nässe, Hitze, Höhe, Mangelversorgung, Verkehr und technische Defekte (insb. Speichenbrüche). Vor allem die Kombination mehrerer Schwierigkeiten zeichnet „Qualitätskilometer“ aus. […]“

    Hast Du Deinem Deutschen Wort des Jahres 2018 nicht zwei klitzeklitzekleine Punkte vorenthalten? Welche Punkte?! Die über dem ersten „a“:

    Quälitätskilometer! 😀

    Finde ich bei der Definition irgendwie treffender 😉 Hat sowas Martialisches wie der Klassiker „Da machen wir Hackfleisch!“. Gerade frage ich mich: War damals eigentlich der eigene Körper gemeint?! 😀

    Lautes Gelächter überkam mich, als zunächst die große Abkehr vom typisch deutschen Unwort des Jahres zelebriert wird, dann aber im Kleingedruckten im Wort des Jahres über das Ertragen von jeder Menge Unbill begeistert willkommen geheißen wird. Frei nach dem Motto: Der König ist tot. Es lebe der König!

    Schön hier zu lesen!

    • Lieber (Klopfer-) Peter, Dein Kommentar ist spitzfindig, treffend und sehr amüsant. Das Wortspiel könnte durchaus auch von Ch. Beyer persönlich stammen. Nicht zuletzt rühmt er zu Winterzeiten stets sein PowerBar-Mütze, die durch eine Öffnung an der Spitze, welche wiederum verschließbar ist, auch als Schal umfunktioniert werden könnte. Könnte deshalb, weil die Öffnung zu eng ist, so dass Ch. Beyers Kopf hindurch passt. Natürlich könnte man auch argumentieren, dass Ch. Beyers Kopf zu groß ist, um durch die Öffnung zu passen. Wie dem auch sei, als die Mütze Ch. Beyer gesehen hatte, beim Erwerb also, sind ihr auch zwei Pünktchen über dem „a“ abhanden gekommen. Von daher akzeptiert Ch. Beyer den Vorschlag, „Qualitätskilometer“ gleich „Quälitätskilometer“ zu setzen. Nicht zuletzt wird das Wort „Qualität“ auch von Qual abgeleitet.

      Ob nun „Quali – und Quälitätskilometer“ ein Unwort darstellen, das liegt nun sicherlich in er Natur der Sache, oder sollte Ch. Beyer lieber schreiben, in den Augen des Betrachters. Ch. Beyer könnte demnächst eine Umfrage starten und, er kann das Ergebnis schon jetzt vorhersagen, es wird zu 100% das Wort und nicht das Unwort des Jahres werden. Sollte Ch. Beyer dann ein Sampling Error unterstellt werden, so möchte er getrost an Herrn Churchill verweisen, der schon im letzten Jahrhundert treffend formuliert hat, wie man vernünftige Statistik macht. Ch. Beyer wird also in seiner Umfrage alleinig auf den Experten Prof. KG aus E bauen.

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