Seelenverwandschaft.

Adriano spricht Italienisch, zehn Wörter Englisch und drei Wörter Deutsch. Der Autor spricht Deutsch, ganz passabel Englisch und drei Wörter Italienisch. Die Schnittmenge ist beschaulich klein. Und doch verstehen wir uns blendend.

Adriano ist 47, Familienvater, wohnhaft in der Nähe von Venedig, Reiseradler auf der Careterra Austral und Hobbyfotograf. Er hat ein schönes grünes „Troll“ von Surly mit einigen cleveren Details, ist schick gekleidet. Italienischer Stil eben. Und er fährt wunderbar Rad. Für einen Italiener ist er wenig aufgeregt, doch enorm herzlich.

Adriano habe ich nach der Fährfahrt von Puerto Yungay nach Rio Bravo kennengelernt. Dazu muss der Leserschaft bekannt sein, dass Puerto Yungay 125 Kilometer südlich von liegt. Letzteres hat 3000 Einwohner, Puerto Yungay zählt vielleicht zehn, nämlich die Schifffahrer und die Besitzer eines kleinen Ladens. Von Puerto Yungay wird man über ein Fjord nach Rio Bravo geschifft (diesen Ausdruck nicht missverstehen), damit man weiter in Richtung Süden nach Villa O’Higgens fahren kann. Die Fähre ist essentieller Bestandteil der Careterra Austral. In Rio Bravo leben keine Menschen, sondern dort gibt es nur die Rampe für die Fähre und eine kleine Schutzhütte für die Radfahrer und Backpacker.

Und genau in dieser Schutzhütte in Rio Bravo stieß ich auf Adriano. Adriano war über zwei Tage von Cochrane nach Puerto Yungay/Rio Bravo gefahren, was ich in einem Tag bewältigte. Er hatte die 15 Uhr Fähre genommen, ich die 18 Uhr Fähre. Da es ordentlich geregnet hatte, hatte er an der Schutzhütte ausgeharrt und war nicht weiter gefahren.

Bei meiner Ankunft muss er sich wohl gedacht haben, welch verrückter Deutscher, wenn sich Adriano so etwas überhaupt denkt, denn er ist wirklich herzlich nett. Nach meiner Ankunft und dem Austausch notwendiger Begrüßungsformlen widmete ich mich vorerst ganz meines Rades. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag kaum gezeigt und das Rad hatte bei 9 Stunden Regen, dauerhaft Ripio und Kälte ordentlich gelitten. Aus 2 x 10 Gängen wurden 2 x 3. Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Metall von Kette und Ritzeln abgerieben wurde. Die Mahlgeräusche waren allgegenwärtig. Dem Radfahrer tut das genauso weh, wie dem Zahnarzt das Zähneknirschen zur Nacht.

Hier bietet sich übrigens ein kleiner Exkurs in die Radpflege an: To schmier, or not to schmier? Damit ist nicht Siemens, die FIFA oder die Deutsche Bank gemeint, denn für diese ehrwürdigen Institutionen stellt sich diese Frage gar nicht. Der Autor gehört zu den Schmierern. Regelmäßiges Schmieren soll die Kette leichtgängig machen und jeglichen Anflug von Rost vermeiden, damit es ihr möglichst lange gut geht. Die Kehrseite der Medaille: Die viele Schmiere sammelt sich mit der Zeit zwischen den Ritzeln an und bindet kleinen Steinchen, besonders bei Regen. Ein Mahlwerk entsteht, dass für Abrieb an Kette und Ritzeln sorgt. Die Nichtschmierer wollen eben jenes Mahlwerk verhindern. Gemäß dem Motto „Weniger ist Mehr“. Dafür läuft die Kette gerne auch mal trocken, rasselt und zeigt Anflug von Rost.

Nun, ich glaube, zwischen den Schmierern und Nichtschmierern steht es in den vergangenen beiden Tagen 1 : 1. An eben jenem Abend, als ich den seltsamen Deutschen gegeben habe, habe ich die Schmiere aus den Ritzeln gepopelt. Eine besch*** Arbeit! Dafür hatte Adriano, ein Nichtschmierer, am Folgetag einen Kettenriss.

Nachdem ich mein Rad versorgt hatte und wir vereinbart hatten die 100 Kilometer bis Villa O’Higgens, der 500 Einwohnergemeinde am Südende der Careterra Austral, gemeinsam zu radeln, kamen wir zunehmend ins Gespräch, oder vielmehr in die Kommunikation, bedenkt man die geringe sprachliche Schnittmenge.

Um sechs Uhr des Folgetages sind wir aufgestanden und um sieben losgeradelt. Wir wollten zeitig in O’Higgens ankommen, um die Fähren nach El Chalten (Argentinien, Nationalpark Los Glaciares mit dem Monte FitzRoy) für den Folgetag buchen zu können. Wir kamen bis auf die kleine Reparaturpause hervorragend voran. Am Ende des Tages hatten wir zwar „nur“ 98 Kilometer, doch 1500 Höhenmeter auf Ripio mit Gepäck. Zudem wars schön kalt mit circa 5 Grad. Glücklicherweise hatte sich der Regen verzogen und bis auf ein oder zwei kurze Schauer blieb es trocken. Gleiches erhoffen wir uns für die Fährfahrten nach El Chalten.

2 Comments

  1. Inge und Reiner

    Herzlichen Glückwunsch zur Bewältigung der Carretera Austral! Mit dem Wetter hattest du ja in O’Higgins nicht so viel Glück – wir sehen, es hat ganz schön weit runtergeschneit. Da hat sich der Trip zum O’Higgins Gletscher wohl nicht angeboten – Dafür hast du wohl schon den Fitz Roy gesehen, was auch nicht selbstverständlich ist.
    Wir drücken die Daumen für besseres Wetter. Weiter gute Fahrt!
    Inge und Reiner.

  2. Herzlichen Dank, Inge und Reiner. Ja, den O’Higgens Gletscher ließ ich wegen des Wetters aus. Am Tag des Grenzübertritts war zwar gutes Wetter, aber eben nur für einen Tag vorhergesagt, weswegen ich den Grenzübertritt übe den Trampelpfad bewältigen wolle. Als Ausleich steht der Perito Moreno Gletscher auf dem Plan. In El Chalten bleibe ich soeben vie oder fünf Tage, da sich das Wandern (ohne Reservierungen) leichter bewerkstelligen läßt als in Torres del Paine. Das steht auch auf dem Programm, wohl etwas kürzer. Schöne Grüße nach Deutschland, Christian

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