Ruhetag-Blues

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Ruhetage sind wie Weihnachten: Große Erwartungen bleiben unerfüllt. Mein neues Jahr, am 1.1.17, begann mit einem Ruhetag. Ja, wirklich, kein Scheiß! (Fränkische Redewendung, Anmerkung des Autors, kein Scheiß!). In Cochrane, an der südlichen Careterra Austral, verbrachte ich einen Tag der Antriebslosigkeit zur Entspannung. Der Autor, sollte dies in einem früheren Beitrag aufgefallen sein, verwendet „Gammeltag“ und auch „Fresstag“ gerne synonym. „Ruhetag“, „Gammeltag“, oder „Fresstag“, alle drei Synonyme treffen den Pudel im Kern – oder so.

Üblicherweise steigert sich die Erwartungshaltung an den Ruhetag über die Radtage hinweg. Der Ruhetag soll alle Bedürfnisse befriedigen, die während der Radtage vernachlässigt werden: Gymnastik, um die Muskeln wieder geschmeidig zu machen. Gutes und gesundes Essen: Vitamine für Geist und Körper. Lesen, um den Intellekt anzustrengen. Emails nach Hause und Gespräche im Hostales, um nicht völlig ins Asoziale abzurutschen.

Es gibt einen Haken, natürlich: Nach langen Ausdaueranstrengungen, wie auch nach Krafttraining mit massiven Muskelkater (Muskelschaden!), rutscht der Autor üblicherweise in eine Pseudodepression, einen Ruhetag-Blues. Hier behält nämlich der innere Schweinehund, der Saukerl, im inneren Dialog die Oberhand: Gymnastik, zu schmerzhaft. Gutes Essen, zu aufwendig. Lesen, zu anstrengend: Es besteht perakute Einschlafgefahr. Emails und Gespräche, zu nervtötend. Der Autor bleibt dann möglichst lange im Zimmerchen der Hospedaje, und gar am Liebsten im Bett. Zum Frühstück gibt es Kekse oder Müsli mit Milch; beides geht schnell und die Zutaten wurden mit letzten Kraftreserven am Vortag eingesammelt. Mit dem Tablet surft der Autor ziellos – also nicht wortwörtlich, denn das wäre zu anstrengend. Oder er ist erneut eingeschlafen. Emails bleiben im Postfach und Gespräche bleiben aus. Und alles ist fahl und lätschig. Und es herrscht große Unzufriedenheit über die Diskrepanz des „möchte“ zum „ist“.

Die Ruhetag-Blues hält mehrere Stunden, manchmal einen ganzen Tag an. Dann, ganz langsam, macht sich erneut leichter Bewegungsdrang spürbar: Durch die Stadt schlürfen mit Sitzpausen oder zum nächsten Supermercado zum Einkaufen, wobei dann meist nur Kekse und Müsli sowie Milch in den Korb fallen. Dennoch sind beides erste Anzeichen einer beginnenden Restitution.

Nach weiterem Dösen wird die Gammelei allmählich selbst zur Anstrengung. Genau dann setzt die Phase der Rekompensation ein. Das Dehnen nimmt den Muskeln tatsächlich die unkontrollierte Spannung, das Essen von der Netten Hospedaje-Besitzerin ist lecker und gesund, das aktuelle Buch ist spannend und es gibt interessante News von zu Hause und wichtige Informationen zum aktuellen Ort und der nächsten Wegstrecke. Die Sonne scheint und das Leben ist schön.

Das Ende des Ruhetag-Blues geht mit den Planungen für die nächsten Radtage und den Vorsätzen für den nächsten Ruhetag endgültig zu Ende. Beim nächsten Mal, so nimmt sich der Autor vor, fällt er garantiert nicht mehr so tief in das Loch der Pseudodepression. Er weiß ja, das es kommen wird. Eben!

P.S. Gerne hätte ich diesen Artikel schon am Ruhetag geschrieben. Das war mir zu anstrengend.

7 Comments

  1. Lieber Christian, die lieben Kollegen haben mir den Link zu Deinem Blog geschickt. Beeindruckend Deine Bilder und sehr nett Deine Schilderungen! … ich habe mit Dir mitgefühlt. Leider muss ich Dich während Deiner spannenden Reise mit eustar kurz belästigen. Liest Du ab und an Deine Mails? Ein Prof. aus Italien hat mir mit seinem italienischen Bilderbuch-Temperament unmissverständlich mitgeteilt, dass er die eustar Webseite bearbeiten muss. Kannst Du mir helfen diesen Herren zu beruhigen? Vielleicht per E-Mail? Ganz herzliche Grüße aus Erlangen, Sandra

  2. La Bici Loca

    Hallo Christian,

    anscheinend gefällt es dir zu sehr dort unten! Es macht viel Spaß deinen Blog zu lesen, Auch wenn du schon ganz schön viel schreibst.
    Naja, zunächst erstmal ein gesundes neues Jahr und weiterhin viel Spaß!

    Achso, auch wir kommen gerade von einer kleiner Radreise zurück. Viele Grüße dürfen wir von Beatrice und Peter Gruber bestellen ; )

    No te canses mucho en tu bici y disfruta de tus galletas chilenas, que se ven bien ricas!

    Muchos saludos desde Aguerbaj Ciudad Antigua, Patio del Palacio 1!!!

    La Bici Loca

    • Hello Ihr Zwei,

      Ihr seid bei Peter und Beatice ja schon Stammkundschaft. Heute ist ein wunderbarer Tag in El Chalten. Kein Wind, Sonne, noch ein wenig frisch. Ich mache mich leich zum Wandern au, damit ich wieder ein paar schöne Bildchen habe. Liebe Grüße nach Auerbach, Christian

    • Hi Moritz, ich habe ein Zeitproblem, nämlich Zuviel davon. Das Hinterrad fliegt auch wieder auseinander, so dass ich keine Lust auf zusätzliche Schleifchen habe. Also gehe ich in El Chalten Wandern. Das ist wie Ruhetag und gar nicht so schlecht. Liebe Grüße in die Heimat und guten Start in Coburg! Christian

  3. Mutti

    Also bei uns hatte es heute -22 ° im Schatten und deine „alte“ Mutter war walken, nix Ruhetag,
    komm erst mal in mein Alter. Am Montag beginnt mein Kraulkurs, wieder eine sportliche Heraus-
    forderung, die ich nicht von ungefähr Dir zu verdanken habe. Aber es macht einfach Spaß Kinder zu haben, die einen immer wieder fordern. egal in welcher Form auch immer.
    Liebe Grüße aus dem wunderschönen „Winterwonderland“ um auch einmal ein Fremdwort zu gebrauchen.
    Mutti

    • Also warm ist es hier auch nich, gestern hat es gestürmt, aber heute scheint die Sonne. Ansonsten bist oder warst Du ja selber daran beteiligt, fünf Kinder auf die Welt gebracht zu haben, die Dich immer wieder auf „dumme“ Gedanken bringen. Viel Spaß beim Kraulen! Christian

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