Das A-Problem: Für immer gelöst?

Das Wichtigste vorab: Ab kommenden Samstag um 9:00 Uhr ist wieder Passivsport. Die zweite Auflage des Taunus-Bikepackings wird zum Höhenmeter-Festival und Ch. Beyer ist mittendrin: 14 000 Höhenmeter auf 800 Kilometer, alles Grääävellll! Die treuen Leser können wieder zum Dot Watcher werden und Ch. Beyer hofft, dass Don Horsto die Fangemeinde mit aufhellenden Kommentaren, eine Neologismus aus aufmunternd und erhellend, verzaubern wird: https://www.followmychallenge.com/live/taunusbikepacking/

In gleichen Zuge möchte Ch. Beyer auch auf die aktuell laufenden Tour Divide hinweisen, die jedes Jahr am zweiten Freitag des Junis startet. Hier kann sich die Fangemeinde schon einmal eingucken. Wenn alles rund läuft, dann wäre das was für 2020. Oder vielleicht doch das World Cycle Race… Anyway, hier findet sich der Link: http://trackleaders.com/tourdivide19

Der Führende der diesjährigen Tour Divide, ein Franzose namens Sofiane Sehili, ist übrigens die ersten 63 Stunden durchgefahren. Nix schlafen, capito, nix! Ch. Beyer glaubt ja schon an Schlaf, nun ja, zumindest ein wenig. Deswegen setzt er auf den Sieger von 2015, Josh Kato, der regelmäßig zwei bis vier Stündchen schläft. Kato ist übrigens Nurse.

Nähern wir uns nun aber dem eigentlichen Thema, im großen Bogen versteht sich. Ch. Beyer möchte das A-Problem diskutieren und muss nun ausholen.

Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters kann sich Ch. Beyer nicht sicher daran erinnern, ob er das ABCDEF-Schema des Langstreckenradelns hier auf Radness.de bereits hinreichend erörtert hat. Zumindest bei den „Vier Fears“ des Radlers findet inhaltlicher Bezug: https://radness.de/?p=1311 Und wenn schon: Repitition is the master of skill.

Die ABCDEF-Regeln beschreiben die Grundprobleme, denen sich ein Langstreckenradler widmen muss und sie sind an das ABCDE-Schema der Notfallversorgung nach Acute Trauma Life Support (ATLS) gelehnt. Dort werden in der Patientenversorgung strukturiert Airway, Breathing, Circulation, Disability und Environement nacheinander adressiert. Die Probleme sind der Wichtigkeit nach aufgelistet, denn es gilt „Treat first, what kills first!“

Übertragen auf das Langstreckenfahren ergibt sich hieraus folgende Hierarchie der Grundprobleme: Ass, Beverage, Calories, Derailleur hanger und Excrements. Hinzukommt das F, für Female companion.

Die einzelnen Probleme im Detail zu besprechen mag das Thema folgender Blogs und Podcasts sein. Auf einen Punkt, jedoch, muss Ch. Beyer hinweisen: Das F muss ganz vorne stehen, denn ohne die Zustimmung von F geht nix. In die Tiefe (Wunde) greifen möchte Ch. Beyer auch hier nicht und verweist vorerst lieber auf die Vorstellungskraft der Leserschaft. Letztendlich ergibt sich also folgendes Grundproblemschema des Langstreckenradlers: F-ABCDE.

Setzt man nun das F-Problem als gelöst voraus, dann ist tatsächlich das A-Problem zentral. Und bereits der Laie ist sich dessen bewusst: Niemand käme auf die Idee zu fragen, wie der Langstreckenfahrer Essen und Trinken heranschafft und es wieder los wird, also die B, C und E-Probleme löst. Nein, der Laie will wissen: Wie hält er das aus? Wachsen ihm Hornhäute? Ab wann ist die Grenze zur Impotenz überschritten?

Nun, die Antworten sind komplex, das A-Problem ist vielschichtig. Es umfasst mindestens folgende drei Teilaspekte: (A) Dumpfer Druckschmerz durch Kompression von Haut- und anderen Nerven. Der dumpfe Druckschmerz geht weg, sobald man den Sattel verlässt und meist lässt er sich durch einen härteren Sattel und ein dünneres Hosenpolster für immer vertreiben. (B) Der scharfe Schürfschmerz, bei dem die Integrität der Haut durch kontinuierliche Reibung empfindlich gestört wird. Es gäbe Geschichten von RAAM-Fahrern, die Ch. Beyer dem Leser gerne ersparen möchte. Das Abendessen soll schließlich noch schmecken. Jedenfalls kann der scharfe Schürfschmerz durch Training, wodurch durchaus ein wenig Hornhaut entsteht , Sitzcreme zur Reibungsverminderung und intelligentes Hosen- und Satteldesign minimiert werden. (C) Und dann gibt es die Biker’s Nodules, auch Third Testicles genannt. Das ist das A-Teilproblem, dass auch den härtesten Radfahrer aus dem Sattel zwingt und unter anderem Sean Kelly zu einer Aufgabe bei der Vuelta espana gebracht hat.

Der Biker’s Nodule ist ein Bindegewebsknoten unter der Haut, der sich ebenfalls durch repetitive Mikrotraumata als Bindegewebsreaktion entwickelt. Er kann mehrere Zentimeter messen. Er ist keine verstopfte Talgdrüse oder ein Abszess oder Furunkel durch eine bakterielle Infektion. Letztere sind nämlich Komplikationen des scharfen Schürfschmerzes. Der Biker’s nodule entsteht unter der Haut und entzündet sich und tut dann höllisch weh. Dagegen ist bislang kein Kraut gewachsen – gewesen…siehe weiter unten.

An den Tagen 4 und 5 der vergangenen Bikepacking Trans-Germany litt Ch. Beyer an jenen Biker’s nodules und hatte unter jedem Sitzbein einen, erst rechts und dann links. Und er hat sich geschworen, dass er das nie wieder aushalten möchte. Drei Wochen lang konnte er damals auf keinem Fahrradsattel sitzen. Dabei hätte er noch so gerne Kilometer für das Stadtradeln gesammelt. Zum Glück taten ihm seine Knoten den Gefallen, spontan zu verschwinden, ganz ohne chirurgische Gewalt. Eine Lösung für das A-Problem jedenfalls musste her:

Bikefitting und ein neuer Sattel, ein anderer Sattel, eine andere Hose, nochmals ein anderer Sattel und noch eine andere Hose, die andere Hose mit dem nochmals anderen Sattel kombiniert und die nochmals andere Hose mit dem anderen Sattel. Und da die Scheißdinger stets erst nach drei Tagen exzessiven Radfahrens auftraten, war die Provokation des A-Problems und damit die Testläufe für die verschiedenen Kombinationen durchaus aufwendig.

Und dann schien aller Aufwand vergebens. Immer wieder machten sich die Scheißdinger nach langem Fahren bemerkbar, unabhängig von jeglichen Sattel-Hosen-Kombinantionen. Und auch das Bikefitting, was viele andere Aspekte auf dem Rad revolutionierte, konnte das A-Problem nicht lösen.

Der logische Schritt wäre natürlich gewesen, das Langstreckenfahren auf Rennen von bis zu drei Tagen zu begrenzen. Also Kapitulation. Verzicht auf massiven Type 2 fun ab Tag 4.

Und als er glaubte, es geht nicht mehr, kam aus den Weiten des WWWs ein Lichtlein daher:

Eigentlich, das muss hier fairerweise festgehalten werden, hatte Ch. Beyer schon viel früher davon Wind bekommen, aber die Sache als „bescheuert“ abgestempelt und in Vergessenheit geraten lassen. Es hieß dort, dass Radfahrer dieses neue Ding am Tag vor ihrem RAAM (Race Across America, circa 4500 Kilometer Nonstop) ans Rad geschraubt hätten, aus lauter Verzweiflung, gepeinigt von diversen A-Problemen. Es hieß dort weiter, dass dann ein Wunder geschehen sei und diese Fahrer ohne Sitzbeschwerden ins Ziel gekommen seien und am Liebsten gleich weiter gefahren wären, wenn sich nicht der Atlantik in ihren Weg gelegt hätte. Kurzum um, es klang wie der heilige Gral fürs Langstreckenradeln.

Allein dieses Wunderding konnte Ch. Beyers A-Problem noch lösen und so bestellte er es von der Firma Infinity aus Kalifornien. Der Chiroprakter Dr. Vincent Marcel, selbst passionierter Radfahrer und Leidensgenosse in Sachen A-Probleme, hatte das Ding entwickelt und ist damit einen völlig neuen Weg gegangen. Der Druck sollte plötzlich nicht mehr auf den Sitzknochen lasten, sondern breit verteilt auf das umgebendene Gewebe. Dadurch würden eben keine A-Probleme mehr evident werden. Konnte das stimmen? War das nicht alles heiße Luft?

Nach der Bestellung dauert es noch mehrere Wochen bis der Infinity Seat schließlich aus Kalifornien via deutschen Zoll in Erlangen ankam. Das war wenige Tage vor dem ersten Saisonhighlight, den 600 Kilometern von Treuchtlingen. Sollte Ch. Beyer das Risiko eingehen, das bestehende System auflösen und einen völlig neuen Sattel ans Rad schrauben?

Tatsächlich ließ er sich auf das Experiment ein und montierte den Infinity Seat an sein Rennrad, einen Ersatzsattel im Gepäck. Eine einzige Probefahrt gönnte er dem Infinity Seat, eher er sich auf einer 800 Kilometer Dauerfahrt (600 Kilometer inkl. Anfahrt, Rückfahrt und Verfahrt) beweisen musste.

Und tatsächlich: Das Wunderding schlug sich wacker: Scharfe Schürfwunde an der rechten Oberschenkel-Innsenseite, sowie beginnender Biker’s Nodule an der gleichen Stelle, einer etwas falschen Sitzposition auf der neuen Errungenschaft geschuldet. Aber ansonsten: nix! Wirklich nix! Ch. Beyer konnte schon am nächsten Tag wieder bequem auf seinem Stadtfahrrad sitzen.

Die ersten Herausforderungen hat das Wunderding aus Kalifornien also gut gemeistert. Ein paar kleine Tücken gibt es durchaus, aber Ch. Beyer hegt nun wieder leise Hoffnung, dass die Leser nächstes Jahr die Tour Divide auf Trackleaders.com verfolgen sollten. Das A-Problem könnte gelöst sein, vielleicht gar für immer!

P.S. Inhalte müssen überwunden werden. Allein ist es wichtig, sympathisch rüber zukommen. Daher finden die Leser eine Bilderauswahl mit dem sympathischen Rolf J. aus Erlangen vom Scouting für die Bikepacking Franconia im Juli dieses Jahres. Auch wenn man es auf den Bildern kaum zu erkennen vermag, gelitten hat der junge Mann natürlich schon, unter anderem auch an einem A-Problem.

2 Comments

  1. Siglinde-Muddi

    deine in den Startlöchern stehende Nichte oder Neffe wird sich denken, was habe ich da nur für einen Onkel an Land gezogen.
    Aber nichts desto trotz hast Du trotz allen eine inspirierende Wirkung auf diverse Familienmitglieder, wenn das natürlich zu deinen Leistungen alles nur Pipifax ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu