To sleep or not to sleep.

Am Ende muss immer Viktor Frankl herhalten, der Wiener Psychologe und Neurologe, der Ausschwitz überlebte und in den Nachkriegsjahren diskutierte, was die endogenen Determinanten für das Überleben im Konzentrationslager gewesen sein könnten. Sein Standardwerk heißt „…trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.“ Es handelt um die existentielle Frage des Sinn des Lebens und postuliert, dass diejenigen überleben, die den Sinn des Lebens trotz widriger Umstände weiter erkennen. Der gute Mann hatte in Auschwitz einiges erlebt, so dass man davon ausgehen muss, dass in seinem Werk ein wahrer Kern zu finden ist.

Gerade weil sein Werk authentisch ist und die Botschaft einleuchtend, wird Frankl immer wieder in der Psychologie aufgegriffen, um zu erklären, warum manche Individuen mit Rückschlägen besser umgehen als andere. Oder, denkt man einen Schritt weiter, so lassen sich aus Frankls Werk Anleitungen gewinnen, die helfen könnten, schwere Schicksalsschläge zu überwinden.

Nun hat Ch. Beyer keine schweren Schicksalsschläge zu beklagen. Vier Finger sind nach der Hope-1000 taub: Der N. ulnaris im Hypothenar versorgt die Finger 4 und 5 und bei beidseitiger Beteiligung macht das vier Finger. Und dennoch möchte sich Ch. Beyer Gedanken darüber machen, was der Homo velodicus so alles aushalten zu vermag und was er dazu benötigt. Also, Schlaf, das darf man nach der diesjähigen Hope-1000 getrost feststellen, braucht er wohl nicht.

Es ist eine spannende Sache, dass die drei schnellsten Velofahrer der diesjährigen Hope-1000 ohne oder fast ohne Schlaf knapp 4 Tage radeln konnten. Die Leistungen von Jochen Böhringer, Sofiane Sehili und Markus Hager beeindruckten Ch. Beyer nachhaltig. Zumindest so sehr, dass er ihnen einen separaten Blogeintrag widmet.

Letztendlich war es eine Frage der Zeit, bis die Bikepacking-Szene mit ihren Wurzeln im Radreisebereich von den Supersportlern überrollt werden sollte. Das bekannteste Gesicht ist wohl Lachlan Morton vom Team Education First, der als Profiradsportler von seinem Team auf Ultradistanzen geschickt wird. Schnellster bei der GB Duro 2019 längs durch Großbritannien war er und zuletzt hat er in knapp unter acht Stunden ge-Everest-et. Zur Erinnerung: L. Schmidt und Ch. Beyer waren 2018 mächtig stolz über ihre Erklimmung des fränkischen Mt. Everest in circa zwölf Stunden.

Jochen Böhringer ist ein 24 h-Rennfahrer, der auch bei Europameisterschaften anzutreffen ist. Er übertrug seinen Speed aus den kurzen 24 h-Quälereien auf die Hope-1000. Dabei schlief er in Powernaps von circa 15 min in einem Notfallbiwaksack, der die Beschaffenheit einer dünnen Rettungsfolie hat. Im Gesamten kam er so auf circa 1,5 h Schlaf. Der große Vorteil: Wer nicht oder nicht lange schläft, der muss auch kein Schlafkit mitnehmen. Und in den Bergen zählt am Ende des Tages doch jedes Gramm Gepäck, insbesondere, wenn das Rad regelmäßig über Viehgatter gehoben werden will. Ob Sofiane Sehili seine Stirn kurz auf einen Tisch legte, weiß Ch. Beyer nicht. Jedenfalls, das zeigen die Ersten drei der diesjährigen Hope-1000, wird Schlaf überbewertet.

Ch. Beyer fuhr bei der Hope-1000 nur durch die letzte Nacht, in der er sich tatsächlich blendend fühlte. Die technischen Abfahrten am nächsten Tag waren aber ein Graus: Der Gleichgewichtssinn fehlte und es überkam Ch. Beyer die Angst, die Berge nicht mehr sicher hinunterzukommen.

Jochen Böhringer kennt diese Angst nicht, schließlich ist er technisch deutlich versierter. Im Ziel wusste er zu berichten, dass er in seinem Delir, bergauf mit bergab verwechselte. Er dachte es ginge bergab, ehe ihm sein schwerer Tritt aufgefallen sei.

Eigentlich bräuchte Ch. Beyer ob der Leistungen von Böhringer und Co kaum überrascht sein: Sir Ernest Shackleton trieb die Crew der Endurance schon vor einem Jahrhundert in der kalten antarktischen See zu körperlichen Höchstleistungen unter Schlafentzug. Gut, damals ging es ums nackte Überleben. Doch anscheinend können auch einige Bikepacker, ohne in Lebensgefahr zu sein, ungeahnte Energiereserven anzapfen.

Von Kristof Allegaert berichtete Ch. Beyer bereits etliche Mal, schließlich ist er Ch. Beyers Rennradleridol aus Belgien. Und mit den Belgiern versteht sich Ch. Beyer tatsächlich gut: Seien es Ben Steurbaut bei der Bikepacking Trans Germany 2018 oder Stefan Maertens und Jens de Root bei der Hope-1000 2020, allesamt waren Spitzen-Weggefährten.

Kristof Allegaert, jedenfalls, schläft. Nicht lange, aber doch circa zwei Stunden pro Nacht. Da er auf der Straße fährt, kann er immer wieder Hotels ansteuern, kurz einchecken und schnell auschecken. Damit braucht er natürlich auch kein Schlafkit, vorausgesetzt er traut sich nackig ins Hotelbett. Was Kristof Allegaert aber nicht tut, das ist Essen. Das heißt, er isst schon, aber sehr wenig. Einmal am Tag hält er für Essen an. Der Rest wird mit Riegeln ausgefüllt. Und 6 bis 7 Kilogramm Gewicht verliert er während einer Bikepacking-Woche.

In diesem Zusammenhang weiß Ch. Beyer beizusteuern, dass Ben Steurbaut während der Bikepacking Trans Germany 2018 an den ersten beiden Tagen kaum einen Bissen Essen hinunter bekam – unwillentlich, versteht sich. Und trotzdem konnte er weiterradeln. Das Nicht- oder Wenig-Essen hatte Ch. Beyer übrigens vor zwei Jahren auf seiner Erlangen-Wien-Tour bereits ausgetestet und fand es zäh.

Zusammengefasst scheint es, dass es weder Schlaf noch Essen braucht, um ein Bikepacking-Event erfolgreich zu meistern. Ob die Quälerei nun Sinn macht, um den Kreis zu Viktor Frankl zu schließen, dass sei dahingestellt. Ch. Beyer weiß jedenfalls aus erster Hand, dass bei einem treuen Leser zuletzt eine Familienfehde über die Frage entbrannte, ob es wohl sinnbefreiter sei, 1000 Kilometer durch die Schweiz zu radeln, oder eine Stunde Vollgas in der Zwift-Online-Welt zu geben. Was für eine Frage, lieber Leser, das Naturerlebnis rechtfertigt alles!

Zurück zu Böhringer, Allegaert und Beyer: Ch. Beyer schläft und isst. Nicht übermäßig, aber regelmäßig. Und, das tut ihm gut. Jeweils drei bis vier Stunden schlief Ch. Beyer während der Hope-1000 pro Nacht, wobei die Standzeit mit dem Ein- und Auspacken des Schlafkits und mit dem Zähneputzen nochmals länger andauerte. Und Essen, das tat er schon immer. Der Futterneid ist bei vier Geschwistern in die Wiege gelegt. Zumindest konnte er aber von einer 3-Stopp-Strategie, mit Bäcker-Supermarkt-Supermarkt oder Bäcker-Supermarkt-Restaurant, bereits auf eine 1- bis 2-Stopp-Strategie mit Bäcker-Supermarkt oder Supermarkt-Supermarkt, umstellen.

Die Schlaf- und Essstrategien brachten schließlich auch gewisse Vorzüge mit sich: Gemessen an der Fahrzeit war Ch. Beyer ähnlich schnell wie die drei Führenden, wobei allesamt deutlich fitter als Ch. Beyer sind, was sich an den Abständen des ersten Tages erkennen lässt. Schlaflosigkeit und Hunger drosselten also ordentlich das Tempo der drei Führenden.

Und obwohl Ch. Beyer schläft und isst, sieht er auch für sich und die Hope-1000 noch Verbesserungsmöglichkeiten. Das Schlafkit und die Kalorien wird er weiterhin mitführen, aber den zweiten Reserve-Schlauch bei einem Tubeless Setup oder den zweiten Lampenakku, als der Erste noch zu Dreiviertel voll war, kann er zukünftig einsparen. Auch die dritte Radflasche mag bei den unendlich vielen Wasserstellen in der Schweiz unnötig sein. Und so hegt er die Hoffnung, dass er bei der nächsten Ausgabe mit gleicher Schlaf- und Essstrategie vielleicht ein wenig schneller fahren kann. Eine erste Einladung vom Veranstalter gab es übrigens bereits heute.

Ein Alleinstellungsmerkmal waren Ch. Beyer’s Schlaf- und Ess-Strategien übrigens nicht: Die beiden Schweizer Philippe Vouilloud und Jonas Vuille waren noch extremer: Sie schliefen länger, aßen mehr und fuhren schneller Rad. Nur gut, dass bei den Bikepacking-Events jeder das tun kann, was er für richtig hält – ob es nun Sinn macht oder nicht.

2 Comments

  1. Siglinde-Muddi-Omi

    ich muss meinen Sohn beipflichten,dieSchweiz hat wirklich wunderschöne Landschaften zu bieten. Es ist unverständlichdaß man ob solcher körperlichen Qualen dafür noch Blicke hat und
    dazu auch noch photoografiert,damit der eifrige
    Leser auch noch in den Genuss von der schönen abwechslungsreichen Landschaft kommt.
    Dafür gibt es dann bei Muddi Kuchen und
    fränkische Bratwürst,gegrillt vom Chef persönlich.
    Auch nicht schlecht oder ?

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