Marginal Gains.

Ch. Beyer just scratched: Er brach das Sweet-16-Bikepacking ab. Oder in schönere Worte gepackt: Ch. Beyer unterbricht das Sweet-16-Bikepacking vorübergehend, um es demnächst zu Ende zu radeln. Und das sei nicht nur dahin geschrieben, denn es verbleiben ihm nur knappe 600 Kilometer durch Rheinland-Pfalz, ein wenig Frankreich und das Saarland, um die Strecke in Koblenz, also erneut im Rheinland, zu Ende zu bringen. Und dort hat Ch. Beyer bekanntlich noch eine Rechnung offen: Die treuen Leser erinnern sich, dass Mark Forster im vergangenen Jahr Ch. Beyer eine Tour zum Deutschen Eck versaut hatte.

Anyways: Ch. Beyer möchte sich und seinen Abbruch natürlich erklären und über die Erlebnisse beim Sweet-16-Bikepacking berichten. Doch dazu muss er ein wenig ausholen, was für Sie, liebe Leser, als Anhänger des Ausdauersports kein Problem darstellen sollte. Der Ausschweif soll Ihnen einige Prinzipien des Langstreckenradelns, insbesondere des Ultradistanzrennfahrens, näher bringen.

Mike Hall, einer der berühmtesten Ulltracyclisten, sagte einmal über das World Cycle Race, das er 2012 für sich entschied: “The winner will be the guy who lives fast, not necessarily the one who rides fast.” Circa 90 Tage benötigte Mike Hall für 27.000 Kilometer rund die Welt – ohne Unterstützung eines Begleitteams!

Der Österreicher Michael (nicht Christoph!) Strasser, der 2016 am Schnellsten von Kario zum Kap der guten Hoffnung und 2018 am Schnellsten durch beide Amerikas radelte, vermittelt eine ähnliche Botschaft. Er meint, dass die teilnehmenden Radprofis im Vergleich zu ihm als Amateur in der ersten Woche noch Fitnessvorteile hätten, die sich dann aber egalisieren und andere Fähigkeiten von Bedeutung werden würden, so zum Beispiel die mentale Stärke. Dabei sei vermerkt, dass Strasser als Österreicher natürlich dramatisierende Begriffe liebt und sich das Wort „Leidensfähigkeit“ auf die Fahnen schreibt.

Der körperlichen Leistungsfähigkeit scheinen auf den Langdistanzen also Grenzen gesetzt zu sein. Irgendwann latscht ein jeder in einem Dauertrott in die Pedale, der sich von den anderen Teilnehmern nicht wesentlich unterscheidet.

Nun, liebe Leser, wenn schon die körperliche Leistungsfähigkeit sich zunehmend angleicht, dann könnten doch technische Aspekte von Vorteil sein. Übertragen auf die Formel 1, so meint Ch. Beyer, würde das bedeuten, dass nur derjenige gewinnen kann, der im Mercedes-Auto sitzt. Zum Glück ist dem aber nicht so: Die Ur-Langstreckenradler, die Randonneure, fahren fast allesamt mit mehr als 30 Jahre alten Stahlrennern und damit bisweilen sehr zügig. Vielmehr ist es wichtig, dass der Radler möglichst komfortabel auf seinem Velo sitzt, damit er die Strapazen möglichst lange aushält ohne absteigen zu müssen.

Und somit, liebe Leser, wären wir schon beim heiligen Gral des Langstreckenradelns: Es gilt die Zeit auf dem Fahrrad zu maximieren. Das wiederum gelingt, in dem Zeiten für andere Beschäftigungen wie Schlafen, Essen und K***en aufs Nötigste reduziert werden (die drei fehlenden Buchstaben, die durch Sterne markiert sind, finden sich übrigens im Wort „Acker“ wieder).

Im Neuhochdeutschen spricht man in diesem Zusammenhang von „Marginal Gains“: Jedes gewonnene Minütchen auf dem Rad zählt. In der Industrie hieße es „Optimierung“: Schlafen wird auf 3 h, Essen auf einmal täglich und K***en auf zweitägig rationalisiert. In Franken, wo alles negativ ausgedrückt wird, würde man sagen: Das läbberd sich!“ und meint die verlorene Zeit bei der Befriedigung oben beschriebener, menschlicher Primärbedürfnisse.

Klar, im Prinzip sind „Marginal Gains“, „Optimierung“ und „Sich Läbbern“ keine neuen Konzepte. Sie finden sich in unserem Alltag, auf Arbeit und beim Sport schon lange wieder. Gerade im Hochleistungssport wird seit jeher um Sekunden und Hundertstelsekunden gefeilscht.

Die Crux bei den „Marginal Gains“ beim Langdistanzradeln ist jedoch, dass der Optimierungsprozess scheinbar kein Ende nimmt. Beim Sprinter ist der Auftrag nach 10 Sekunden erledigt, beim Marathonläufer in gut 2 Stunden. Die Langdistanzradler betreiben den Optimierungsprozess jedoch tagelang. Und das, liebe Leser, kann ganz schön viel Energie kosten.

Übrigens merken wir oft gar nicht, wie ineffizient wir im Alltag sind. Minipausen schleichen sich in unserem Alltag ein. Vielleicht sind sie notwendig, um Körper und Geist Erholung zu gewähren. Wir zelebrieren das Kaffee trinken am Morgen oder das gemeinsame Anstoßen mit Wein und Bier am Abend. Wir verzögern das Aufstehen in der Frühe, da unsere Smartphones eine sogenannte „Snooze“-Funktion haben. Und wir nehmen die Zeitung oder das Tablet mit aufs Kabinett, um die Pause auf der Schüssel in die Länge zu ziehen. Bei Letzterem möchte Ch. Beyer darauf hinweisen, dass das K***en von Zeitmanagement-Strategen auf die Arbeit verrichtet wird, denn dort ist es bezahlte Arbeitszeit.

Letztendlich beschrieb auch Mike Hall schon die Bedeutung dieser Minipausen für unseren Alltag und über den Stress, den die Wegrationalisierung derselbigen bei Langstreckenrennen mit sich bringt: “When you take all those little moments out of your day idly doing nothing, it creates a lot of stress. Those little moments can give a sense of normality.”

Und wenn Sie, liebe Leser, nun ganz konkret bei einem Langstreckenradeln am Start wären, dann könnte das wie folgt aus sehen. Sie fahren eine Tanke an, stürmen dieselbige und greifen sich soviel, wie ihre beiden Hände tragen können. Sollten sie nicht völlig dehydriert und/oder unterzuckert sein, dann wählen Sie gezielt 3 Liter Wasser, 2 Liter Soda, 2 Mars, 3 Snickers und 3 Bifis und fragen an der Kasse nach dem Schlüssel zur Toilette. Während Sie das Soda, 1 Mars, 2 Snickers und 1 Bifi verschlingen, packen Sie den Rest aufs Rad und eilen dann in die Toilette. Nein, machen Sie sich bitte hier keine falschen Vorstellungen: Hier trennt Ch. Beyer aus Anstandsgründen ganz gezielt die Flüssigkeits- und Energieaufnahme von der Abfallentsorgung.

Nach dem Gewichtstuning und der Katzenwäsche, welche sie spätestens ab dem dritten Tag freiwillig beginnen, geben Sie den Schlüssel an der Kasse zurück und verlassen fluchtartig die Tanke. Circa 30 Kilometer weiter, drei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit und vier Stunden vor der Morgendämmerung finden Sie eine Bushaltestelle oder Parkbank, die Ihnen gepflegt vorkommen. Dort lassen Sie Ihre verschwitzten Radklamotten zumindest bis Tag 3 stets an, um am Morgen Zeit zu sparen, und wickeln sich in den Daunenschlafsack. Zuvor haben Sie bei längeren Veranstaltungen, ihre komfortable Luftmatraze aufgeblasen, oder für kürzere Veranstaltungen die minimalistische Isomatte ausgerollt. Wenn Sie der Schlaf nicht gleich überfällt, beantworten Sie die ausstehenden SMS-Nachrichten – jawohl, Ch. Beyer ist noch analog unterwegs! – und verfallen dann der Narkolepsie, ehe sie sich wenige Stunden später mit der Morgendämmerung dem gleichen Wahnsinn wieder widmen.

Kurzum, Sie optimieren Ihren Tagesablauf bis ins Detail, um möglichst viele Radkilometer im Dauertrott abspulen zu können. Und das macht Ch. Beyer, zumindest über einen begrenzten Zeitraum, tatsächlich Spaß. Es ist doch toll, wenn man einige Tage nicht von dieser Welt ist!

Um die Langstreckenradel-Effizienz aufrecht zu erhalten, bedarf es allerdings einer hinreichenden Motivation. Woher Ch. Beyers innerer Antrieb stammt, das weiß er selbst noch nicht, aber einige Strategien seiner selbst konnte er aber bereits durchschauen. So hilft es zum Beispiel ungemein, immer den Supermarkt oder die Tankstelle zu wählen, die gerade noch vor Kassenschluss zu erreichen ist, denn das gewährleistet, dass sich Ch. Beyer beeilen muss, um in Zeiten seine Primärbedürfnisse zu befriedigen.

Blöd ist es nur, wenn gerade dieser letzte Ver- und Entsorgungspunkt nicht mehr verfügbar ist. Dann muss improvisiert werden. Und so kommt es, dass sich der Langstreckenradler im Hamburger Ballungsgebiet nachts um halb eins tierisch über ein Dixie-Klo am Straßenrand freut, das nicht abgesperrt ist, da es an der Tanke fünf Stunden vorher geheißen hat, dass die Toilette wegen „Carbonara“ nicht verfügbar sei: „Sorry, aber da bekom‘ ich Mecker von meinem Chef.“ Und, liebe Leser, wer jetzt das Wort „Waldsch***“ in seinen Gedanken formuliert, der möge Ch. Beyer bitte erklären, wie das in der Großstadt gehen soll. – Ach hören Sie, ein wenig Anstand sollte schon vorhanden sein! (die drei fehlenden Buchstaben, die durch Sterne markiert sind, finden sich übrigens in der Rockband „Kiss“ wieder)

Nun, als Ch. Beyer am Aldi in Heidelberg einen großen Becher Schokoladeneis auslöffelte, das noch hart gefroren war, war es um ihn geschehen. Der Göffel (Fusionswort aus Löffel und Gabel) brach und Ch. Beyer wusste, jetzt sollte mit der Sweet-16 Schluss sein. Die noch ausstehenden 600 Kilometer wären bergig gewesen, die Temperaturen hätten weit über 30 Grad gelegen, und Ch. Beyer überlegte schon, wie er am Folgetag, einem Sonntag, zu ausreichend Kalorien und Flüssigkeit gekommen wäre. Bei Kilometer 130 in Pirmasens hätte es wohl Tankstellen gegeben, ebenso bei Kilometer 195 in Saarbrücken. Ja, Sie haben es erfasst, liebe Leser, für die Snickers und Mars. Auf Friedhöfen hätte er sich das Wasser besorgt, sofern er einige davon gefunden hätte. Und am Abend hätte er wohl den Schutz eines Hotels gesucht, um die verbleibenden Wasser- und Energiedefizite zu egalisieren. Danach noch zwei weitere Tage mit 15 bis 16 Stunden radeln, aber besserer Versorgungslage. Das hätte schon geklappt. Aber plötzlich war der innere Druck viel größer als die Freude an dem ganzen Wahnsinn.

P.S. Natürlich gibt es noch viel „Trail-Magic“ von der Sweet-16: Ch. Beyer wird bald davon berichten.

P.P.S. Hier das Interview mit Mike Hall: https://www.bikeradar.com/features/interview-mike-hall-round-the-world-record-breaker/

P.P.S. Herzlichen Dank an Mark Humme, der selbst nach einem Autounfall aus dem vergangenen Jahr noch gehandicapt und den ganzen Unsicherheiten um das Carbonara-Virus, das Sweet-16-Bikepacking veranstaltete. Er und seine Freunde haben einen klasse Track zusammengestellt. Und Holger (Loosens) Abschnitt wird Ch. Beyer noch unter die Räder nehmen.

P.P.P.S. Herzlichen Dank natürlich auch an alle Dot-Watcher und Unterstützer. Ch. Beyer hofft, das der ein oder andere zumindest seine Heimat-und Sachkunde-Kenntnisse wieder auffrischen konnte.

2 Comments

  1. Siglinde-Muddi-Omi

    Ob Du viele Nachahmer finden wirst bezweifle ich leider, aber es ist natürlich schon spannend zu lesen, wie man oder Du auf solchen Wahnsinnsfahrten immer noch alles in die Reihe bringt, ich meine Nahrungsaufnahme und das andere Bedürfnis, das muss mal erst jemand nachmachen.
    Aber eine eintönige Ernährung ist das schon. Nicht unbedingt gesund.

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