Sensibilisierung.

Bikepacking ist Reizdeprivation. Radreisen übrigens ebenso. In unserer modernen Welt berichten Manager, dass Interkontinentalflüge die beste Zeit zum Arbeiten darstellen, denn dort würden Sie ungestört von Anrufen und Emails bleiben. Andere Führungskräfte bezahlen viel Geld, um in speziellen Hotels eine „Elektronikentgiftung“ durchzumachen, wo sie all ihr elektronisches Gerät an der Rezeption abgeben müssen. Der Weltkonzern, der an Ch. Beyers Wohnort ansässig ist, schickt seine ramponierten Manager nach Bad Steben im Frankenwald-Nirgendwo, wo sie Geist und Körper in Einklang bringen sollen.

Zum Glück hat Ch. Beyer das nicht nötig. Nach einem langen Tag im Sattel hat er gar keine Lust, elektronische Nachrichten zu beantworten. Manchmal schläft er über dem SMS-Schreiben ein. Das Smartphone ist tagsüber im Flugmodus, um Akkukapazität zu sparen, und es kommt allenfalls für die Fotografie zum Einsatz. Das Garmin-Ur-Navigationssystem Etrex liefert lediglich eine Linie („Track“), die Ch. Beyer nachradelt. Ansonsten ist am Rad alles analog.

Liebe Leser, nun fragen sie sich bestimmt, ob das nicht langweilig ist: Den ganzen Tag treten, abgeschnitten von der echten, virtuellen Welt. Und tatsächlich ist es das! Aber nur am ersten Tag. Sobald sich der Geist an den neuen Lebensrhythmus gewöhnt hat, vergehen die Tage wie im Flug. Sie wissen ja, wir Menschen sind Gewohnheitstiere.

Außerdem tritt beim Bikepacking ein zweites Phänomen auf: Mit zunehmender Monotonie auf dem Rad nimmt die Aufmerksamkeit für die wenigen Ereignisse am Wegesrand deutlich zu. So entwickeln Bikepacker und Reiseradler das in der modernen Welt vergessene Gespür für das Schöne wieder. Und über ihre Entdeckungen am Wegesrand können sie sich stundenlang freuen. Denn sie haben ja den ganzen Tag Zeit.

Dieses Phänomen lässt sich neurophysiologisch erklären: Unsere Großhirnrinde kann nur einen Teil der ihr angebotenen Informationen verarbeiten und ins Bewusstsein heben. Ein Großteil des sensorischen Inputs, also der Informationen, die unsere Sinnesorgane einsammeln, wird als „unwichtig“ oder „weniger wichtig“ klassifiziert und dem Bewusstsein vorenthalten. Der Filterprozess läuft unbewusst ab und ein Mehrangebot an Reizen, wie sie in unserem modernen Alltag vorliegt, erhöht die Menge der bewusst wahrgenommenen Informationen nicht.

Es gibt unendlich viele Beispiele, die die Filterfunktion unseres Gehirns veranschaulichen: So sehen wir nicht, was außerhalb unseres Smartphone-Displays passiert – auch nicht den Linienbus, der uns gleich überfahren wird. Wir hören nicht, weil uns die Supermarkt-Musik zuduselt oder wir unsere Köpfhörer in den Ohren stecken haben. Wir schmecken nicht, da das mit Geschmacksverstärkern versehenen Zucker-Fett-Salzgemisch all unsere Geschmacksnerven maximal aktiviert hat.

Vor einigen Jahren hatte Ch. Beyer das Coca Cola-Museum in Atlanta, einer eher unattraktiven US-amerikanischen Großstadt, besucht. Er meint sich zu erinnern, dass er damals sehr hungrig gewesen sein muss, da es auf den Konferenzen in den USA nie etwas zu essen gab: Die Pharmafirmen durften aufgrund der US-Antikorruptionsgesetze nichts anbieten, was den von den Pharmafirmen mit Business Class eingeflogenen Europäern seltsam vorkam. Doch in mancherlei Hinsicht sind die zuletzt oft gescholtenen US-Amerikaner den Europäern einige Schritte voraus.

Doch zurück zum Coca Cola-Museum. Hungrig angekommen war der Sinn für Süßes natürlich geschärft, der Durst war groß. So traf es sich wunderbar, dass Coca Cola all seine Limonaden zum Probieren bereitgestellt hatte. Und das waren nicht nur die uns bekannten Coke, Sprite und Fanta, sondern unzählig. Dabei war interessant, dass viele Produkte für spezielle Märkte produziert wurden. So probierte Ch. Beyer zunächst die Getränke für den asiatischen Markt, dann die uns bekannten Produkte für die Europäer und schließlich die Limonaden für Nord- und Südamerika. Ein Schlaraffenland für den BZ aus F übrigens!

Am Ende der Limonandenprobe kam Ch. Beyer zum Schluss, dass ihm die Getränke für den asiatischen Markt am Besten geschmeckt hatten. Also wollte er sich davon noch ein paar Schlucke gönnen. Als er dann erneut eine der Asialimonaden süffelte, erlebte er sein Aha-Erlebnis. Der Grieche in Ch. Beyer hätte gerufen: „Heureka, das schmeckt ja nach Wasser!°

Ch. Beyer hätte es eigentlich schon ahnen können. Der Gehalt an Zucker und Geschmackverstärkern war in den Getränken für den nord- und südamerikanischen Markt wesentlich höher als für die Asiaten. Und Ch. Beyers Geschmackssinn hatte sich sehr schnell an das pappige Gesöff gewöhnt.

Nun, ehe Ch. Beyer Sie mit ellenlangen Abschweifungen in Ihre persönliche Reizüberflutung treibt, möchte er Ihnen noch ein paar Highlights vom Sweet-16-Bikepacking servieren.

Die Geschichte mit dem Dixi-Klo, das Ch. Beyer im Ballungsgebiet Hamburg vor womöglich unanständigen Notentleerungen rettete, kennen Sie schon. Kurz darauf, es war ja schon halb eins nachts, fand Ch. Beyer einen netten Schlafplatz. In der Garmin-Software heißen Unterstände „Shelters“ und dieses Shelter war eine kleine Holzhütte, die zu einem Spielplatz gehörte. Ch. Beyer stellte sein Rad ab, machte das große Licht am Rad aus und die Stirnlampe an. Dann wurde Isomatte und Kissen ausgepackt und aufgeblasen. Schlafsack und Bivy kamen darauf. Und parallel dazu hatte Ch. Beyer eine Packung Studentenfutter und 3 Müsliriegel vertiglt. Nachdem er eine lange Hose und Jacke angezogen hatte, konnte er sich zum Schlafen hinlegen und das Licht ausknipsen.

Keine drei Minuten später hörte er zwei Stimmen. Ein junges Mädel und ein junger Kerl kamen im Flirt vertieft zu Ch. Beyer’s Shelter. Scheibe – dabei wollte Ch. Beyer nun endlich schlafen! Er wartete und hörte dem Zirpen der beiden zu. Plötzlich bemerkte der junge Kerl: „Da steht ein Rad!“ – Pause – „Sieh, da steht ein Rad!“ – Pause – „Und, waaaaaah, da liegt einer! Waaaaaah! Waaaaaah! Waaaaaah!“ „Sie können sich ruhig hersetzen, ich schlafe eh gleich ein.“ “ Waaaaaah! Waaaaaah! Waaaaaah! “ Und weg waren die beiden.

Landschaftliche Highlights gab es auf der langen Strecke etliche: Besonders gefielen Ch. Beyer der Abschnitt von Hamburg nach Lübeck, der sich deutlich hügeliger gestaltete, als Ch. Beyer für das Bundesland Schleswig-Holstein vermutet hatte. Der Sonnenuntergang am nördlichen Elbradweg war ebenfalls irrsinnig schön. Der Radweg führte entlang des Elbdammes. Rechts davon lag die Elbe, links davon weites Land mit großen Landhäusern. Rechts, also im Westen, ging die Sonne unter. Auf dem Damm hatten es sich die Rentner mit Klappstühlen- und Tischen zurecht gemacht. Auf den Tischen stand wechselweise Prosecco und Wein.

Der Thüringer Wald und der heimatliche Frankenwald waren ebenfalls wunderschön. Die Stauseen der Saale zeigten sich im Sonnenuntergang in ihrem schönsten Gewand. Die Bahn hat durchaus Recht mit ihrer Werbung: „Sehnsucht nach USA. Muss nicht sein. Das ist Thüringen!“ Und während Saalburg in der Nacht ein klein wenig mondän wirkte, erfüllten die Camper an der Lothramühle alle erdenklichen Ost-Klischees.

Um die „Steinige Tour“ im Frankenwald, auf der Ch. Beyer etliche Kilometer zurücklegte, im nächsten Jahr im Duett meistern zu können, wird Ch. Beyer für seine Lieblingslebensabschnittsgefährtin gar einen Rollentrainer anschaffen. Nur für sie, versteht sich!

Durch etliche schöne Städte und Städtchen ist Ch. Beyer ebenfalls geradelt. Dabei zählt er die Bundeshauptstadt gewiss nicht dazu, umso mehr aber Hamburg, Lübeck, Wittenberg, Queddlingburg, Wernigerode, Coburg und Heidelberg. Hamburg zur blauen Stunde war faszinierend und nicht einmal dieser unfreundliche Sack, der sich bei seinem Habitus und seiner Alkoholnase bestimmt bald für eine Bypassoperation qualifizieren wird, konnte Ch. Beyers Begeisterung trüben: „Es – ist – rot!“ Das sah Ch. Beyer auch, aber: „Es – war – frei!“. Witzigerweise erinnerte der Vorfall Ch. Beyer an eine alte Geschichte aus dem Schwimmtraining: „Du – bist – zwei!“ (Insider).

Auf den Bikepacking-Trips und Radreisen hatte Ch. Beyer bereits viele Begegnungen mit der Tierwelt: Rotwild, Hasen, Füchse und Dachse gehörten regelmäßig dazu. Ein Novum des Sweet-16-Bikepackings war die erste Begegnung mit einer Wildsau – also einer Echten. Es war wie in einem Heimatfilm aus den Sechzigern: Der Wanderweg war tunnelhaft von den Bäumen eingewachsen, es herrschten Gegenlichtverhältnisse und am Ende des Tunnels, circa 100 m von Ch. Beyer entfernt, stand die Sau: Voll im Profil: Kopf, Körper und Kringelschwanz. Mitten auf dem Weg. Schwarz aufgrund des Gegenlichts. Zum Glück nahm sie gleich Reißaus als Ch. Beyer heranbretterte, ihre Frischlinge im Schlepptau.

Ein andere erinnerungswürdige Begegnung hatte Ch. Beyer mit einer Ameise im Schlafsack. Hierbei ist anzumerken, dass sich Ameisennester bei der Schlafplatzfindung im Dunkeln kaum ausmachen lassen.

„Algo mas – Noch mehr?“, könnte der Spanier fragen, wo doch Ch. Beyer zu Beginn des Artikels die Reizentlastung propagierte. Ja doch! Solo un poco. Die Monotonie des Bikepackings und Reiseradelns führt nicht nur dazu, dass die schönen Erlebnisse intensiver wahrgenommen werden. Nein, leider bietet die Langeweile auch Raum dafür, mögliche Probleme immer bedrohlicher zu machen. Zumindest bislang, denn hier sieht Ch. Beyer Handlungsbedarf. Dazu aber ein wenig später mehr.

Die Probleme, die in Ch. Beyers Bewusstsein zirkulierten und mal groß und manchmal noch größer waren, waren vor allem technischer Natur. Gut, dass allzeits bekannte A-Problem wurde intern einige Male diskutiert, aber meist nicht als relevant erachtet. Hingegen war das Hinterrad Ch. Beyers vom ersten Tag an ein Sorgenkind. Mindestens dreimal täglich musste er es aufpumpen und jeden Tag von Neuem überlegte er, ob er das Tubeless-System (also schlauchlos wie beim Auto) in ein System mit Schlauch umwandeln solle. Irgendwann zeigte gar die Pumpe erste Abnutzungserscheinungen mit Rissen im Pumpenschlauch, was ebenfalls für Beunruhigung sorgte.

Die linke Kurbel lief „blutig“ an, nicht weil sie bei Ch. Beyers Kilometerleistung Blut und Wasser zu schwitzen hatte, sondern weil der Regen des ersten Tages Rost aus dem Tretlager spülte. Ch. Beyers Rad aus dem Jahr 2015 hat durchaus etliche Kilometer abgeleistet und zeigt nun zunehmend Abnutzungserscheinungen.

Ein Dauerbrenner waren zudem die Knackgeräusche, die aus dem Freilauf zu kommen schienen. Eine Kontrolle desselbigen ergab jedoch keine Auffälligkeiten. Erst nach stundenlangem Überlegen kam Ch. Beyer auf die Idee, dass es ganz eventuell an den Röllchen am Schaltwerk liegen könnte. Eine Ölung erbracht tatsächlich Besserung. Neue Röllchen hatte Ch. Beyer sogar schon zu Hause liegen, aber vor dem Sweet-16-Bikepacking aus zeitlichen Gründen nicht mehr montiert: Murphy’s Law.

Zuletzt war Ch. Beyer’s Isomatte ab dem fünften Tag undicht. Während des Einschlafens war noch Luft drin, die dann langsam entwich und Ch. Beyer nachts aufwachen ließ. Zum Glück waren die Temperaturen im Verlauf des Sweet-16-Bikepackings stetig gestiegen, so dass der Isolationseffekt nicht mehr notwendig war. Der fehlende Komfort konnte durch optimale Positionierung, mit Schlaf entweder in fetaler Position oder auf dem Rücken, zumindest teilweise ausgeglichen werden.

Bereits im letzten Artikel hatte Ch. Beyer überlegt, diskutiert und gehadert, was zum Abbruch des Sweet-16-Bikepackings geführt haben könnte. Mensch und Material sind bei Bikepacking-Rennen oft und bei Radreisen manchmal an ihrer Belastungsgrenze. Ein schwächstes Glied, das dann nachgibt, gibt es immer.

In Chile war es Ch. Beyer’s Hinterrad, an dem eine Speiche nach der anderen riss und das somit die Reise auf dem Rad beendete. Bei der Bikepacking Transgermany 2018 hätte Ch. Beyers aufgrund von ekelhaften Biker’s Nodules, also einem A-Problem, keinen Meter weiter fahren wollen. Beim Taunus Bikepacking 2019 und der Bikepacking Franconia 2019 war es die stürmische Renntaktik die Ch. Beyer das Leben schwer machte.

Das Gute an all diesen Schwierigkeiten war aber, dass sie auch immer Ursprung für Veränderungen waren. Neue, handeingespeichte Laufräder, ergonomisches Bikefitting und verbessertes Training. Und eine jede Veränderung ging mit einem Lernprozess für Ch. Beyer einher. Da es für Bikepacking-Rennen noch keine Gebrauchsanweisung gibt, musste Ch. Beyer selbst tüfteln und testen.

Beim Sweet-16-Bikepacking traten keine relevanten technischen und physiologischen Probleme auf, die zum Abbruch hätten führen können. Ein wenig Quietschen hier, ein wenig Knarzen dort, dreimal täglich Aufpumpen und ein geringes A-Problem am Morgen. Keine Knieschmerzen, kein energetisches Defizit. Nein-nein, dieses Mal war es der Kopf, der das schwächste Glied darstellte und am Ende der Herausforderung nicht mehr gewachsen war. In diesem Sinne, liebe Leser, wissen Sie, was Ch. Beyer für das nächste Jahr üben wird.

2 Comments

  1. Siglinde-Muddi-Omi

    Da bin ich ja mal gespannt was Dir für
    Dein schwächstes Glied, dem Kopf, als Trainingsmethode einfällt. Brauchst Du vielleicht potentielle Testpersonen als Versuchskaninchen.Das wär doch mal eine Herausforderung !

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