Wasserträger.

Die schwedische Schuhfirma Salming hat den Slogan herausgegeben: „No nonsense shoes“. Sehr gut findet Ch. Beyer, zumal die Firma das Konzept konsequent durchsetzt. Und hätte Salming nicht an den Größentabellen geschraubt, hätte Ch. Beyer wohl nur Salming Schuhe im Schrank. So fiel er mit seinen Quadratlatschen der Größe EU 49 einmal mehr aus dem Raster.

Angelehnt an die Idee, nur gescheite Schuhe herzustellen, wollen Ch. Beyer und seine Göttergattin nun auf ihrer Reise durch Südfrankreich nur gescheite Autokilometer zurücklegen, folglich: „No nonsense car kilometers“.

„Aber halt mal…“, liebe Leser, werden Sie vielleicht denken, „…es gibt doch keine nonsense car kilometers!“ Jawohl, sie meinen also, dass alle Autokilometer sinnlos seien. Da stimmt Ihnen Ch. Beyer auch zu, zumal vermutlich auch alle Schuhe sinnlos sind. — Wirklich alle? Na, da haben wir es schon! Wie ist es mit den Winterschuhen für die Minusgrade, den Schutzstiefeln für die Handwerker oder den Plateauschuhen für die zu kurz Geratenen. — Ja, natürlich gibt es Anwendungen, für die Schuhe ein Segen sind, doch zumeist sind sie ein Fluch.

Sie suchen einen Beleg, dass Schuhe sinnlos, wenn nicht gar schädlich sind, liebe Leser? Dann gucken Sie kleinen Kindern beim Laufen zu. Zunächst lassen Sie sie barfuß laufen und ziehen den Kindern danach Schuhe an. Aus dem perfekten Laufstil wird ein Abonnement für unsere orthopädischen Kollegen. Im Detail möchte Ch. Beyer die Veränderungen gar nicht beschreiben. Er befürchtet nämlich, liebe Leser, dass Sie sich beim nächsten Dauerlauf eines der Merkmale heraussuchen und rückgängig machen könnten, was wiederum eine Überweisung zum Orthopäden zur Folge haben könnte. Es ist ein gesamtes Bewegungsmuster, was korrektes Laufen ausmacht. Ch. Beyer weiß selbst davon ein Lied zu singen, welch katastrophale Folgen das selektive Üben eines einzelnen Merkmals nach sich ziehen kann. Der Vorfussbibel von Matthias Marquardt verdankt Ch. Beyer jahrelange Laufbeschwerden.

Gehen Sie es lieber anders an, werte Leser: Ziehen Sie Ihre Schuhe aus, erst 5, dann 10, dann 15 und dann noch mehr Minuten. Barfußlaufen ist selbstkorrigierend: Sie werden mit größter Wahrscheinlichkeit vom alleine richtig laufen. Doch übertreiben Sie es nicht! Was 10 oder 20 oder mehr Jahre degeneriert ist, muss erst allmählich wieder aufgebaut werden. Beginnen Sie in Monaten statt Tagen zu denken: Gehen Sie es gaaaanz laaaangsam an! Ansonsten droht erneut die Überweisung zum Orthopäden. Im Zweifelsfall, gerade wenn Sie beschwerdefrei sind, lassen Sie es gerne bleiben.

Doch eigentlich ist das hier ein Radfahrer-Blog, nicht wahr? Durchaus, aber vieles lässt sich in Ch. Beyers Hirn nicht trennen. Ch. Beyers gesteigertes Interesse für Biomechanik und korrekte Bewegungen begann nach der Bikepacking Trans Germany 2018, wo er an zwei von fünf Tagen aufgrund von Biker’s nodules nicht mehr im Sattel sitzen wollte. Retrospektiv, so ist sich Ch. Beyer mittlerweile sicher, war das Hauptproblem ein zu dickes Sitzpolster. Dieses übte über die lange Strecke Druck seitlich am Sattel auf das perineale Weichteilgewebe aus, das dies mit einer schmerzhaften Bindegewebsreaktion quittierte. Ch. Beyer glaubt, dass sich bei seinem „Hintern“ dicke Polster zwischen Sattel und Perineum quetschen. Abhilfe schafft folglich ein dünnes Polster, so zum Beispiel von SQlab oder Everve. Der ungewünschte Nebeneffekt: Das dünne Polster saugt sich bei Weitem nicht so schön mit Schweiß voll, wie die dicken Windeln, zum Beispiel der Schweizer Nobelfirma. Und auch die dicken Polster haben ihre Daseinsberechtigung: Sie sind eine Krücke bei schlechtem Sattel oder schlechter Sitzposition, da sie einige Fehler ausgleichen, doch auf Dauer eben für einen Preis. Ch. Beyer geht nämlich noch von weiteren Problemen aus: Die dicken Polster sind schwammig und erlauben keinen stabilen Sitz. Das gleiche gilt übrigens auch für fluffige Sättel, inklusive einige der sündhaft teuren neuen 3D-gedruckten Sitzhilfen. Die Biomechanik am Fahrrad leidet. Nach der Bikepacking Trans Germany 2018 war Ch. Beyer das alles noch nicht klar. Seine Unwissenheit stieß eine längere Suche an, die zur Bereicherung und zur Last wurde.

Die erste Station dieser Suche führte Ch. Beyer zu Jürgen Schulz nach Neuenmarkt in Oberfranken, der Ch. Beyer richtig aufs Rad setzte, ihm Einlagen verpasste und einige Dehnübungen mit auf den Weg gab. Von Nullahnung kommend, setzte Ch. Beyer aber damals die Schwerpunkte falsch und der gute Jürgen hätte wohl keine Chance gehabt, Ch. Beyer von etwas anderem zu überzeugen. Die Idee Ch. Beyers war, dass der Bikefit das Rad passend für den Radler macht und damit alle Sitzprobleme und sonstigen Beschwerden beim Radfahren auflöst. Doch dem ist leider nicht so. 

Nach dem Besuch von Jürgen Schulz war vieles besser, aber noch nicht alles gut, weswegen Ch. Beyer wieder selbst das Schrauben begann. Mehr und mehr veränderte Ch. Beyer die Sitzposition und tauschte Sättel und Lenker. Zuletzt veränderte er die Sitzposition quasi bei jeder Ausfahrt: klassische Zeichen der Bikfitteritis und einer analen Persönlichkeitsstruktur. Doch nein, liebe Leser, das war nicht alles umsonst! Zumindest entwickelte Ch. Beyer ein Gespür für Biomechanik am Rad und ein Wissen darüber, welche Änderungen zu welchen Konsequenzen führen — insbesondere diejenigen, die man kaum erwartet. So zum Beispiel hat die Sattelneigung nicht nur Einfluss auf das dumpfe Gefühl am Damm, sondern womöglich auch auf das dumpfe Gefühl in den Fingern.

Das nächste Kapitel zum beschwerdefreien Radfahren war die Website von Steve Hogg, einem australischer Bikefittingguru, der seine Philosophien über Jahre im Netz zusammengetragen hat. Auch hier probierte sich Ch. Beyer und adaptierte seine Sitzposition und Fussausrichtung weiter, zumindest teilweise erfolgreich. Und auch hier ignorierte er geflissentlich die Empfehlungen zu regelmäßigen Dehnen, Yoga oder Pilates. Natürlich probierte er sich in den einzelnen Disziplinen, doch erwartete er sofortige Erfolge. Sie wissen ja, liebe Leser, das, was über Jahre degeneriert, wird wohl kaum in Stunden regeneriert sein. 

Ein Durchbruch für Ch. Beyer ereignete sich schließlich dieses Jahr durch den Podcast „Cycling in Alignment“ von Colby Pearce. Pearce, so dachte Ch. Beyer stets, sei einer der Steve-Hogg-Schüler. Das allein, so stellte sich durch den Podcast heraus, würde dem gutem Colby jedoch nicht gerecht werden. Über 30 Jahre ist Pearce auf der Straße, im Cross, auf dem MTB und auf der Bahn geradelt, wo er es zur Olympiateilnahme brachte. Seit über 10 Jahren ist er im Bikefitting- und Trainingsgeschäft und er ist einer der führenden Köpfe bei Education First (EF) Racing. Seit vergangenem Jahr teilt er nun seine Ideen in dem bereits oben genannten Podcast „Cycling in Alignment“ — ebenso wie Ch. Beyer seine Ideen auf dem Radness.de-Blog teilt. Der Podcast von Pearce ist nerdig, aber das ist auch der Radness.de-Blog.

Colby Pearce gelang es über seine Podcast-Episoden hinweg folgende Grundkonzepte in Ch. Beyer einzubläuen: (1) (Exzessives) Radfahren führt zu biomechanischen Problemen durch einseitige Belastung und neuromuskulären Umbau des Bewegungsapparats. (2) Man muss trainieren, um Rad zu fahren, vor allem um Schwäche und Dysbalancen auszugleichen. Man fährt nicht Rad, um zu trainieren. Und (3) Profiradfahrer sind keine Vorbilder für Amateure oder für Ch. Beyer: Sind sind genetisch begünstigt, können einseitige Belastungen besser kompensieren, wofür ihnen auch ein Tross an Physiotherapeuten und Trainern zur Verfügung stehen. Gewiss leben Profiradfahrer in vielen Fällen keinen gesunde Lebensstil vor.

Punkt (2) der drei ist für Ch. Beyer zentral: Man muss trainieren, um Rad zu fahren. Das Radfahren ist nämlich mit Ausnahme der guten kardiovaskulären Effekte aus biomechanischer Sicht ungünstig, um nicht zu sagen ein Disaster. Die vordere Bewegungskette mit Iliopsoas und Quadriceps, die aufgrund unseres sitzenden Lebensstil bereits hypertrophiert ist, wird beim Radfahren weiter gestärkt und verkürzt. Die hintere Kette mit Glutei und ischiokruraler Muskukatur wird zunehmender schwächer. Das führt zu zahlreichen orthopädischen Problemen, die durch den besten Bikefit nicht hinreichend kompensiert werden können. Ch. Beyer und die meisten Radler sollten also nicht nur im Rahmen eines Bikefits ihr Fahrrad für sich passend machen, sondern auch durch regelmäßiges Ausgleichstraining sich für das Fahrrad passend machen. Das gilt umso mehr, je mehr man auf dem Fahrrad sitzt. Wirkliche Hobbysportler können sich erstmals entspannt zurücklehnen.

Der Jürgen Schulz hatte es bereits gesagt und Steve Hogg hatte es geschrieben. Und doch dauerte es recht lange, bis Ch. Beyer das Grundproblem begriff. Und wie so oft: Das Eine führt zum Anderen: Denn was kann der ambitionierte Radfahrer nun sinnvollerweise tun? Doch diese Abhandlung hat noch Zeit und soll in einem anderen Blogbeitrag Platz finden. Es wird um Gray Cook und Paul Chek gehen, sowie um Functional Movement Screen und Primal Movement Patterns.

In der Zwischenzeit schließt Ch. Beyer diesen Beitrag. Gewiss sind „No nonsense kilometers“ auch eine Frage der Definition. Eine Reise mit dem Birdmobil müsste nicht sein, zumal mit dem Fahrrad ein adäquates Fortbewegungsmittel zur Verfügung stünde. Das sieht die Göttergattin durchaus anders und vielleicht, liebe Leser, tut das auch der ein oder andere ihrer Lebensgefährten. In ihrer persönlichen Auslegung von „no nonsense kilometers“ verkünden Ch. Beyer und seine Göttergattin aber stolz, dass sie das Birdmobil bislang nur für die großen Verbindungen auf ihrer Südfrankreichreide genutzt zu haben. Die meiste Zeit stand das fahrende Zuhause und diente zum Essen, Schlafen und Blog schreiben. Alle anderen Wege wurden zu Fuß oder mit dem innig geliebten Velo zurück gelegt, auch wenn das bedeutete, dass Ch. Beyer das Wasser zum Trinken und Kochen auch drei Kilometer vom Supermarkt zum Camping tragen musste. Eben gutes Ausgleichstraining.

4 Comments

  1. Muddi

    Das ist ganz schön viel zum Lesen, das sind ja richtig medizinische Abhandlungen, da bin ich etwas einfacher gestrickt, aber ich lass mir auch was sagen, im Gegensatz zu meinen Ältesten, manchmal

  2. Pimpernelo (Clown)

    Naja. Hm. Naja. Hmhmhm. ….aber gut. Da ja hier vermutlich ein niedriges evidenzlevel besteht muss man ja eigene Forschungen betreiben, gell! Und dann publizieren. Das macht er ja brav der Chuck. Es is so schee wenndsda was neues gibt immer hier im blog! Bitte immer weiter so!

      • Lieber Don Horsto, die gestrige Antwort zur „Evidenz“ beziehungsweise den Mangel derselben war harsch. Als alte Medizinmänner müssen wir darauf vertrauen. Leider ist das mit der Evidenz sehr komplex. Zwei bekannte Beispiele: (1) Die Evidenzlage zum Abhängigkeitspotential von Opiaten galt lange so, dass die Morphinderivate bei Schmerzpatienten keine Abhängigkeit auslösen. Zitiert wurde immer ein Artikel in der Mediziner-Bibel des NEJM. Nur durchgelesen hat sich diesen keiner, denn es war ein nicht online verfügbarer Kommentar, bei dem der Autor pi-mal-Daumen seine eigenen Patienten grob durchgesehen hatte. Es handelte sich nicht um eine wirkliche Studie. Die Pharmaindustrie hat es dann gepuscht und die Ärzte geglaubt. Diese und einige andere ungünstige Verkettungen haben zur Opiatkrise in den USA geführt. (2) Die Cholesteringeschichte ist ganz ähnlich gestrickt. Hier hat ein US Forscher seine Ergebnisse manipulativ dargestellt, um seine Hypothese „Cholesterin fördert Artherosklerose“ durchzudrücken. Auch hier war es am Ende weniger das wirkliche Wissen als vielmehr Macht und Durchsetzungswille, der zu dem Ernährungsdesaster geführt hat, dem das amerikanisch Volk und viele mehr unterliegt.

        Gerade im Sport sind es Athleten und ihre Trainer, die Neuerungen puschen. Die Wissenschaft belegt es nur, so zum Beispiel Stephen Seiler und polarized Training. Und die Evidenz im Sport/Training ist oft sehr mager.

        Von daher glaubt Ch. Beyer, dass Evidenz gut ist, aber auch immer der eignen kritischen Prüfung Stand halten sollte. Auch wenn wir generell wohl viel zu wenig Zeit dafür haben, ist es im Sport meist simple: Probiert‘ses, dann spiert‘ses!

        Liebe Grüße
        Chuck

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