Essen wie die Handwerker in Frankreich.

Der perfekte Radausflug mit der Göttergattin sieht vor: Start um frühestens 11 Uhr, Sonnenschein bei mindestens 20 Grad Celcius, Mittagessen um spätestens 13 Uhr, nur kleine Straßen, nur schöne Landschaft und nur kurze Anstiege. Ch. Beyers Göttergattin tritt lieber kurz und kräftig in die Pedale als lang und stetig. Nachdem Mittagessen darf es ruhig nochmals zwei oder drei Stündchen weiter gehen, sofern der Radausflug mit einem Stadtbummel oder einer ähnlichen Aktivität verflochten ist. Und seien Sie ehrlich, liebe Leser, genau so oder ganz ähnlich würde es Ihnen doch auch am Besten gefallen.

Ausnahmsweise ist das keine graue Theorie von Ch. Beyer, sondern Empirie: Angekommen am Meer schwangen sich Ch. Beyer und seine Göttergattin gleich am Folgetag aufs Fahrrad. Auf dem Programm stand einmal mehr ein Komoot-Überraschungsei, das in diesem Fall schöne Inhalte zu bieten hatte. 

Startpunkt war Saint Jean de Luz am südlichen Zipfel der Corniche basque, also südlich von Biarritz und noch in Frankreich. Los ging es über ein paar Wellen ins Hinterland. Dort sorgten einige freilaufende Hunde und eine Abfahrt mit groben Schotter für die nötige Spannung, ehe es ab Ustaritz – Sie merken schon, dass dies das Gebiet der „-Itzs“ ist – im Tal der Nive in Richtung Bayonne ging. 

In dem verschlafenen Örtchen Villefranque wagten sich Ch. Beyer und seine Göttergattin abseits des vorgesehenen Tracks, um nach Mittagessen zu suchen. Die Chancen auf Erfolg waren klein, die Risiken hoch: Nur ein kleines Restaurant war auf der Karte eingezeichnet und es war ungewiss, ob dieses offen hatte. Der Hunger war enorm, der Anstieg in den Ort steil. Und im Falle eines negativen Ergebnisses wäre wichtige Zeit verstrichen, um noch zeitig zum Mittagstisch nach Bayonne zu kommen. Sie merken, liebe Leser, Ch. Beyer berechnete einmal mehr alle Optionen und gab der gewählten Variante nur wenig Hoffnung. Doch die Göttergattin gab dafür ihren Segen.

Es ging weiter den steilen Anstieg hinauf und die Köter an den Zäunen wurden immer größer. Das einzig auffällige Gebäude war ein Kindergarten, kein Restaurant. Laut Open Street Mop musste aber linker Hand ein Restaurant sein. Das Gebäude machte nicht den Eindruck. Es wirkte wie ein weiteres Schulgebäude. Doch, dann, dort, sieh! Das saßen einige Leute beim Mittagessen. Fast nur Handwerker. Eine Kantine? Bekommen wir da auch etwas zu essen, oder ist das nur für Angestellte? „Bonjour Monsieur, haben Sie eine Tisch für zwei?“ „Jawohl mein Herr, bitte doch, hier.“

Danach war es um Ch. Beyer und die Göttergattin geschehen. Der Kellner ratterte das Dreigängemenü hinunter, in einem Tempo, zu dem es die beiden in deutsch ebenso wenig verstanden hätten. Am Anfang käme wohl irgendetwas salatiges und am Ende Tiramisu. Doch der Hunger ließ auch keine Ratio mehr zu: Solange sie den beiden keine Froschschenkel servieren würden, wäre alles Recht gewesen. Zudem blieb den beiden völlig unklar, ob die Speisekarte auf der Schiefertafel am Eingang nicht Atrappe war, da scheinbar alle anderen Gäste das Gleiche aßen. Also: Oui, oui! Dazu Wein: Die Göttergattin votierte für Rose und überstimmte Ch. Beyer der Rotwein gewählt hätte. 

Keine drei Minuten später standen dann Nudelsalat und ein halber Liter Rosé auf dem Tisch. Dem folgte Reis mit Geschnetzeltem und schließlich das Tiramisu. Dazu noch zwei Cafés, was im französischen zwei Espressos entspricht. Ja, liebe Leser, Ch. Beyer weiß, dass man Espresso im Fränkischen mit „x“ schreibt, genauso wie Marcumar mit „t“.

Vor- und Hauptgericht waren ordentliche Hausmannskost, genau das Richtige für die hungrigen Handwerker wie auch die ungewöhnlichen Gäste mit den Fahrrädern. Das Tiramisu war große Klasse und der Wein super. Und die Portionen waren übrigens mehr fränkisch als französisch, wohl auch dem körperlich arbeitenden Klientel angepasst. So mussten Ch. Beyer und die Göttergattin auch das angebotene Baguette und etwas Rosé zurückgehen lassen, was die Handwerker am Nachbartisch auch taten. Das ist wohl lokoregionale Etikette. 

Erstaunt war Ch. Beyer als es schließlich zum Zahlen ging: 14 Euro pro Person, für Dreigänge, Wein und Café. Da hätten Ch. Beyer aus den bisherigen Erfahrungen in Frankreich mindestens das Doppelte erwartet. Verstehen Sie Ch. Beyer bitte nicht falsch, liebe Leser. Eigentlich ist er ganz angetan davon, dass das Essen in Frankreich mehr Wert ist als in Deutschland. Doch hin- und wieder freut er sich auch über ein Schnäppchen – insbesondere, wenn es so lecker ist.

Der restliche Radausflug lief dann wie oben beschrieben nach Protokoll. Die engen Gassen mit den alten Häusern und der Kathedrale in Bayonne waren wirklich schön, auch zu Fuß im Schlendertempo. Das prunkvolle Strandbad Biarritz war beeindruckend und die Rückfahrt nach Saint Jean de Luz an der Küste bei untergehender Sonne fabelhaft. 

Klar, die Atlantikküste ist nicht die Alpen oder die Pyrenäen. Doch auch an ihr kann sich Ch. Beyer erfreuen, insbesondere wenn die Göttergattin dabei aufblüht. 

Apropos: Der kulinarische Geheimtipp für hungrige Radfahrer auf der Durchreise heißt Eskulariat in Villefranque. Dafür lohnt sich auch für die Jakobswegpilger der Umweg, ganz gewiss.

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